Warum Hemer gegen den Trend wächst

Blick auf das Labyrinth im Sauerlandpark. Die Landesgartenschau hat Hemer einen Schub gebracht, glaubt Bürgermeister Miachel Esken.
Blick auf das Labyrinth im Sauerlandpark. Die Landesgartenschau hat Hemer einen Schub gebracht, glaubt Bürgermeister Miachel Esken.
Foto: www.blossey.eu
Was wir bereits wissen
Einem familienfreundlichen Umfeld verdanken drei südwestfälische Kommunen eine positive Bevölkerungsentwicklung.

Hemer/Geseke/Möhnesee.. In der Warteschleife ertönt Andreas Bouranis Fußball-WM-Hymne „Auf uns“: „Wer friert uns diesen Moment ein, besser kann es nicht sein.“ Irgendwann meldet sich Hemers Bürgermeister Michael Esken am anderen Ende der Leitung. Besser kann es in der Tat für die Stadt im Märkischen Kreis in diesem Moment nicht sein: Bei der Prognose des Landesbetriebs Information und Technik NRW über die Bevölkerungsentwicklung für Südwestfalen bis zum Jahr 2030 ist Hemer stolzer Spitzenreiter. Vor Geseke und Möhnesee (beide Kreis Soest).

Attraktives Angebot

Alle Welt redet vom demo­grafischen Wandel, vom Bevölkerungsschwund, den besonders das Land ereilen wird. Und Hemer? Ein Plus zwischen 5,1 und 10 Prozent in den kommenden 15 Jahren sagen die Landes-Statistiker ­voraus. Bürgermeister Esken freut sich, relativiert das Ergebnis aber ein ­wenig: „Von der Größenordnung her ist der Prozentsatz nicht ganz richtig“, sagt er.

Miteingeflossen in die amtliche Datensammlung ­seien die starken Geburtenzahlen in der Asylbewerberunterkunft. Rechnet man das Flüchtlingsheim aus der Statistik heraus, „haben wir dennoch eine positive Tendenz.“ Ein Plus zwischen 0,1 und 5 Prozent – so wie Möhnesee und ­Geseke.

Es gibt Gründe, warum die ­Aussichten für Hemer gut sind. „Die Landesgartenschau 2010 hat uns einen Schub gegeben“, so der erste Bürger der Kommune, ­„sozusagen 20 Jahre Stadtent­wicklung auf einen Schlag.“ Der Park stehe seitdem als Synonym für Familienfreundlichkeit: Als Ort, in dem „eine Fülle gepflegter und hochwertiger Spielplätze“ ­stehen und eine Jahreskarte „nur“ 30 Euro kostet. Auch beim Grundstücksverkauf in Bau­gebieten gewährten die Stadtväter stattliche Rabatte für ­Familien mit Kindern, so Michael Esken.

Woher kommen die Menschen, die ihren Wohnort in das autobahn­nahe Hemer verlagert haben? ­Esken spricht von „Zugängen aus dem nahen Umkreis, insbesondere aus Hagen“. Menschen, die nach Auffassung des Bürgermeisters in einen Ort mit einem attraktiven Angebot wechseln. „Als wir den Grundsteuersatz – er liegt im ­oberen Mittelfeld in der Region – erhöht haben, sagten viele ­Bedenkenträger: ,Es kommt keiner mehr’.“ Dieser Effekt habe sich nicht eingestellt: Durch die hohe Grundsteuer habe man sich trotz eines Sparzwangs von keiner ­Schule, von keinem Bad und keiner Musikeinrichtung trennen müssen.

Seit dem 1. Januar 2015 gibt es eine Dezernentenstelle für „soziale Stadtentwicklung und Gene­rationen“ im Rathaus. Hemer hat ein Demografiekonzept, eine ­Demografiebeauftragte. Man muss sich frühzeitig für die Aufgaben der Zukunft wappnen, findet Esken: „Demografie ist wie ein ­Gespenst: Man weiß, es gibt so ­etwas. Aber man fühlt es nicht so richtig.“

Bürgermeister-Kandidat

Das Gespenst jagt den Verantwortlichen im 40 Kilometer ­entfernten Möhnesee derzeit ­ebenfalls keinen Schrecken ein. Auch bei der Gemeinde im Kreis Soest gehen die NRW-Statistiker von keinem Bevölkerungsschwund bis 2030 aus. Was spricht für den Ort an der gleichnamigen Talsperre? „Die Lebensqualität bei uns, das Lebens- und Liebenswerte“, sagt Bürgermeister Hans Dicke. Man liegt bekanntlich in einer Ferienregion – was wahrlich kein Nachteil für die Einwohner ist. Dicke: „Wenn wir für unsere Gäste in die Infrastruktur investieren, kommt das auch unseren ­Bürgern zugute.“

40 Kilometer weiter, in Geseke, sieht die Welt etwas anders aus. Die Stadt am Hellweg ist nicht als ­Touristenhochburg bekannt, und doch: Auch hier wird eine positive Bevölkerungsentwicklung erwartet. „Man muss insbesondere für Familien ein attraktives Paket schnüren“, sagt Hermann-Josef Wulf, Allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters, und nennt ­Stichworte: Bildungs- und Gesundheitsangebote, Kinderbetreuung, Baugrundstücke. Wichtig für ihn: „Die Familien-, Wohnungsbau- und Gewerbeansiedlungs­politik muss zukunftsgerichtet sein.“

In die Zukunft schaut auch ­Hemers Bürgermeister. Michael Esken kandidiert am 13. Sep­tember bei der Bürgermeisterwahl im ostwestfälischen Verl (Kreis Gütersloh). Warum will er das familienfreundliche ­Hemer verlassen? Besser kann es nicht sein, oder? „Ich habe in Verl schon im Sandkasten gespielt, ­meine Frau und die beiden Kinder wohnen dort“, sagt er. „Es ist eine Entscheidung für die Familie.“