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Liederprojekt

Volkslieder neu entdeckt - wir stellen die Schönsten vor

18.03.2016 | 17:34 Uhr
Volkslieder neu entdeckt - wir stellen die Schönsten vor
Die klappernde Mühle am rauschenden Bach ist zum Ausflugslokal geworden.Foto: Christoph Mett / Carus-Verlag Stuttgart

Hagen.   Migration, Liebe, Abschied, Angst vor Krieg: Volkslieder behandeln die großen Menschheitsthemen. Bei unserem crossmedialen Liederprojekt stellen wir die schönsten mit Notenblatt und Audiodateien vor.

Das Wandern ist ein Urmotiv im deutschen Volkslied. Doch den Müller zieht es nicht zum Spaß in die Welt. Mit romantischen Spaziergängen oder sportlichen Fitnessübungen hat „Das Wandern ist des Müllers Lust“ nichts zu tun. Der Geselle muss fort, er hat gar keine andere Wahl, er muss in die Fremde, egal wie sehr seine Liebste weinen mag. So schreiben es die Zunftgesetze vor.

Volkslieder behandeln die großen Menschheitsthemen: Migration, Liebe, Abschied, Verlust, Angst vor dem Krieg. Sehr oft steckt hinter idyllischen Naturschilderungen eine deftige Portion Sozialkritik. Langsam entdeckt man diesen Reichtum und diese Vielfalt wieder. Volkslieder sind im Trend, immer mehr junge Vokalensembles nehmen sie in ihr Repertoire auf. Wegen des großen Interesses starten wir bei unserem crossmedialen Liederprojekt nun eine neue Staffel. Woche für Woche stellen wir Ihnen ein Volkslied vor.

 

Mit Oma und Opa singen

Das Liederprojekt ist eine Benefiz-Initiative von Carus-Verlag und dieser Zeitung zur Förderung des Singens mit Kindern in Schulen oder Kindergärten und natürlich in den Familien. Gerade Volkslieder eignen sich dafür hervorragend. Denn sie funktionieren generationenübergreifend. Opa und Oma können oft die Texte noch auswendig, während die Enkel staunen, wie treffend ein Lied aus dem 15. Jahrhundert heutige Sorgen auf den Punkt bringen kann.

„Innsbruck, ich muss dich lassen“ ist ein Beispiel dafür. Die Melodie stammt von dem Komponisten Heinrich Isaac (um 1450–1517), der Text ist viel älter. Der Sänger muss „in fremde Land dahin“, „wo ich im Elend bin“. Also muss er vermutlich in den Krieg ziehen. Seinem Liebchen schwört er ewige Treue und empfiehlt sie dem Schutz Gottes, denn er kann nicht mehr für sie sorgen. In knappen Zeilen bringt dieses Abschiedslied abgrundtiefe Verzweiflung zum Ausdruck.

Gnadenloser Missbrauch

Die Nationalsozialisten haben versucht, Volkslieder gnadenlos für ihre Politik zu missbrauchen. Damit sollte ein arischer Stallgeruch geschaffen werden, der den Stücken überhaupt nicht anhaftet. Das schrecklichste Beispiel ist wieder ein Wanderlied, „Muss i denn zum Städele hinaus“. Juden wurden gezwungen, die Strophen auf der Fahrt ins KZ anzustimmen, und die Lagerkapellen orchestrierten damit den Weg ins Gas.

Wegen dieser Vereinnahmung hatten deutsche Volkslieder es nach 1945 schwer, junge Sänger zu erreichen. Während der englischsprachige Folksong in der Populärkultur regelrecht aufblühte, galt der Müllerbursche als Prototyp rückwärtsgewandter Tümelei.

Nichts könnte falscher sein. Die sozialen Situationen, die in Volksliedern thematisiert werden, dienen nicht zur nostalgischen Weltflucht. Die klappernde Mühle steht für harte Arbeitsrealitäten. Der Müllerbursche muss nach der Lehre drei Jahre und einen Tag wandern, also auf die Walz gehen. Auch danach darf er nicht damit rechnen, sich selbstständig zu machen; die Zunft reglementiert die Anzahl der Meisterstellen . Er muss sich als Geselle verdingen. Damit wird er zu einer oft ausgebeuteten und zwangsmobilen Arbeitskraft.

Davon erzählt ein weiteres Wanderlied: „Es, es, es und es.“ Hier verlässt der Geselle einen Ort nach dem anderen: „Ich will mein Glück probieren, marschieren.“ Die Gründe werden nicht verschwiegen: „Ich sags ihm grad frei ins Gesicht, seine Arbeit, die gefällt mir nicht“, heißt es an die Adresse des Meisters, und „Ich sag ihr grad frei ins Gesicht, ihr Speck und Kraut, das schmeckt mir nicht“ an die Adresse der Meisterin. Im 19. Jahrhundert wird „Es, es, es und es“ erstmals auf Flugblättern verbreitet und außerordentlich populär.

Heute gehört die Walz zum immateriellen Kulturerbe. Doch die Wanderschaft als Teil der Handwerks- und Industriegeschichte sowie der Migrationsforschung ist bislang nur in Bruchstücken rekonstruiert.

Das Volkslied ist eine Form von Kommunikation in Epochen, als Zeitungen nur in Form von Flugblättern erscheinen und das Fernsehen noch gar nicht erfunden ist. Es beschreibt Wahrheiten und Gefühle, die von sehr vielen Menschen unmittelbar verstanden werden. Sie gelten immer noch, das macht eine Entdeckungsreise so spannend.

www.liederprojekt.org

Monika Willer

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http://www.derwesten.de/region/sauer-und-siegerland/wandern-mit-dem-muellerburschen-id11665063.html
2016-03-18 17:34
Sauer und Siegerland