Vor 75 Jahren: Ein Jawort fürs Leben

Herdecke..  Jeder Schritt ist beschwerlich. Noch zwei Stufen, noch eine. Dann ist sie oben im Wohnzimmer. Geschafft! Ada Klunker strahlt und streckt dem Reporter beide Daumen entgegen. „Einmal am Tag muss ich den Weg die Treppe hinauf schaffen“, so die Frau aus Herdecke. Es hört sich nicht klagend an. „Für unser Alter können wir ganz zufrieden sein“, sagt die 101-Jährige und blickt lächelnd zu Ehemann Heinz-Günter (100). Am 14. Februar 1940 gaben sie sich das Jawort.

Wir sitzen am Esstisch in einem Haus, das so eingerichtet ist wie Tausende anderer Wohnungen im Land. Für die Gäste haben die Klunkers ein Schälchen mit Pralinen auf den Tisch gestellt („die müssen Sie probieren!“), vor Heinz-Günter Klunker liegt ein Fotoalbum. Der Herdecker blättert darin und bleibt an der Seite mit den drei einzigen Aufnahmen von der Hochzeit hängen.

Der Bräutigam mit Zylinder

Schwarz-Weiß-Bilder, versteht sich. Der Bräutigam mit Zylinder, die Braut im weißen Kleid mit Schleier. „Ich bin ganz alleine zur Trauung nach Hilversum gefahren“, sagt der 100-Jährige. Ohne ein Wort Niederländisch zu sprechen. „Aber ich hatte schon verstanden, an welcher Stelle ich ,Ja’ sagen musste.“

Die Niederländerin Ada und Heinz-Günter aus dem Sudetenland haben sich am Wörthersee kennengelernt. Im Urlaub mit den Eltern und Geschwistern. „Ich fand sie interessant“, sagt der spätere Ehemann. Man schrieb sich, besuchte sich („zusammenziehen durfte man damals ja erst, wenn man verheiratet war“) und traute sich. „Ich konnte überhaupt nicht kochen“, sagt Ada Klunker. Und fügt mit ihrem ansteckenden Lächeln hinterher: „Wir haben es beide überlebt.“

Das Ehepaar schaut aus dem Fenster, ein wunderbarer, weiter Blick in die Ferne. „Ich wollte immer irgendwohin ziehen, wo es bergig ist“, sagt Heinz-Günter Klunker, „so wie zu Hause im Sudetenland.“ Weil Klunker Jahre nach dem Krieg technischer Leiter in der Dortmunder Mercedes-Niederlassung wurde, bauten sie irgendwann ein Haus in Herdecke. Am steilen Semberg. „Hätten wir denn ahnen können, dass wir einmal so alt werden?“, fragt der Ingenieur. Das Gehen bereitet beiden Probleme. Ada Klunker verlässt nur noch einmal im Jahr das Haus: „Wenn ich zum Ohrenarzt muss.“

Man könnte den so sympathischen Hochzeits-Jubilaren stundenlang zuhören, ihren Schilderungen folgen. Sie machen einen zufriedenen Eindruck. Ja, sie verspürten Dankbarkeit für ein solch langes gemeinsames Leben, so die beiden übereinstimmend. „Es wäre eine Sünde zu sagen, dass es uns schlecht geht.“ Trotz der normalen Folgen des Alters: „Alt werden ohne Beschwerden gibt es nicht.“

Keine aktuellen statistischen Daten

Das Statistische Bundesamt hat keine Daten darüber, wie viele Paare in Deutschland 75 Jahre und länger verheiratet sind. Die Behörde kann nur mit einer Zahl aus dem Jahr 2004 dienen: Bundesweit gab es etwa 14 000 Ehen, die 65 Jahre oder länger bestanden.

Während ein Espresso gereicht wird, erzählen die Klunkers voller Vorfreude von ihrer heutigen Kronjuwelenhochzeit. Die vier Töchter mit Ehemännern kommen („alle gesund, eine Gnade“), eine Woche später wird Heinz-Günter Klunker 101. „Ich habe mir etwas Besonderes einfallen lassen“, sagt der Senior. „Ich gehe abends mit meinen sechs Enkelkindern in Bonsmann’s Hof essen. Und wir übernachten auch dort.“ Wegen ihrer Gehprobleme kann seine Ehefrau nicht mitkommen. „Schade, ich hätte sie gerne dabei gehabt. Aber sie sieht die Enkel wenigstens vorher beim Kaffeetrinken daheim.“

Das Paar aus Herdecke scheint mit sich und der Welt im reinen. Haben sie ein Geheimnis für ein langes Leben? Der tägliche Espresso mit „Schnäpschen“ (sie) oder „Likörchen“ (er)? Der tägliche Rohkostsalat und das Obst zum Dessert? „Im Leben nichts übertreiben“, sagt Heinz-Günter Klunker und nennt sein Zauberwort: „zu“ - „zuhause und zufrieden.“

Haben Sie einen Wunsch? „Nicht bettlägerig werden“, lautet die schnelle Antwort. Ada Klunker gibt dem Reporter die Hand und sagt zu ihm: „Bleiben Sie fit.“ Dann streckt sie ihm ihre beiden Daumen entgegen und lächelt.