„Von unserem Glück etwas abgeben“

Foto: Udo Milbret
Was wir bereits wissen
Rupert Neudeck rettete mit dem Frachter „Cap Anamur“ tausende vietnamesische Flüchtlinge im Chinesischen Meer. Die aktuellen Flüchtlingsdramen im Mittelmeer lassen den 75-Jährigen nicht kalt.Rupert Neudeck (75) verbrachte seine Kindheit in Hagen. Rolf Hansmann sprach mit ihm.

Hagen.. Ist es Verzweiflung, die junge Afrikaner auf ein Schiff treibt, um unter lebensgefährlichen Umständen nach Europa zu gelangen?

Rupert Neudeck: Wenn es Verzweiflung wäre, würde man nicht drei, vier Jahre aushalten, bis man die Reise beginnen kann. Bis eine Großfamilie oder ein Dorf die für afrikanische Verhältnisse gewaltige Summe von 1000, 1500 Dollar für einen Platz auf einem Boot gesammelt hat. Es geht um einen Lebensplan: dass derjenige, der nach Europa geschickt wird, eines Tages mit Geld bzw. einem Beruf zurück kommt. Also: Die jungen Flüchtlinge suchen auf unserem Kontinent eine Ausbildung oder eine Arbeit.

Was ist in der EU falsch gelaufen?

Rupert Neudeck: Man hat gemeint, es reiche aus, wie in einem Garten die Grenzen mit einem Zaun dicht zu machen. Und dann sei das Thema erledigt. Das war eine illusorische Rechnung.

Was muss kurzfristig geschehen, um weitere Tote zu verhindern?

Rupert Neudeck: Es müssen kurz- und langfristige Lösungen einher gehen. Europa darf sein Vermächtnis – jedem Menschen in Lebensgefahr zu helfen – nicht verraten. Gleichzeitig muss es den Ursachen der Massen-Wanderungen aus Afrika auf den Grund gehen. Es müssen großflächige Ausbildungsmaßnahmen mit Mitteln der Entwicklungshilfe gestartet werden. Warum können junge Afrikaner nicht eine Exzellenz-Ausbildung in Deutschland machen und dann wieder in ihr Land zurückkehren? Andererseits könnten deutsche Berufsschullehrer nach Afrika gehen.

Muss Deutschland mehr für Flüchtlinge tun?

Rupert Neudeck: Deutschland macht mehr als andere. Keine andere Bevölkerung macht sich so viele Sorgen um die Flüchtlinge – und stellt sich gegen Schreihälse, die sich Menschen, die unglaubliches Leid erfahren haben, als Opfer suchen. Ich bin froh, in diesem Land zu leben.

Und doch: Es verstummen nicht populistische Stimmen, die sagen, dass Deutschland nicht alle Flüchtlinge aufnehmen könne – weil es zu viele sind. Was entgegnen Sie dem?

Rupert Neudeck: Wer bestimmt denn, wie viele Menschen wir aufnehmen können? Ich bin mit sechs Jahren als Flüchtlingskind nach Schwerte und dann nach Hagen gekommen. Die Gesellschaft war am Boden, aber es sind 12 Millionen Menschen aufgenommen worden. Eine der größten Flüchtlingsaufnahme-Aktionen der Menschheitsgeschichte. Wir müssen uns in diesen Tagen daran erinnern und uns immer vor Augen halten, was die aktuellen Flüchtlinge durchgemacht haben.

Was kann jeder einzelne tun?

Rupert Neudeck: Milchpulver und Essen bekommen Flüchtlinge von den Behörden, aber der besondere Teil fehlt: Begleitung und Betreuung. Die Menschen fühlen sich fremd, benötigen das Gefühl, dass sich jemand um sie kümmert: ihnen Räume zur Verfügung stellt, sie in Privathaushalten aufnimmt, mit ihren Kindern spielt. Es ist auch die große Stunde von kirchlichen Gemeinden und Sportvereinen, die Fantasie entwickeln können. Was wir als Kleinigkeiten ansehen, sind für Flüchtlinge keine Kleinigkeiten.

Sie sind Journalist. Was können Tageszeitungen in diesen Tagen der Flüchtlingsdramen tun?

Rupert Neudeck: Sie können sehr viel zur ­Bewusstseinsbildung beitragen, indem sie Hintergründe – z.B. zur Herkunft der Flüchtlinge – erzählen. Ich freue mich, wenn Zeitungen offen sind für eine Art Kummerkasten: in dem sie Fälle vorstellen, in denen besondere Hilfe erforderlich ist.

Sie haben als Gründer von Cap Anamur viele Flüchtlingsdramen erlebt. Was geht in Ihnen mit Blick auf die Toten im Mittelmeer vor?

Rupert Neudeck: Große Traurigkeit. Ich war jüngst in meiner Heimatstadt Danzig. Mir wurde bewusst, dass die Hoffnung, nie wieder ein solches Ausmaß an Vertreibung und Flucht zu erleben, trügerisch war. Wir Deutsche haben das unglaubliche Glück, in einem freien Land zu leben, in dem man sich um jeden Einzelnen kümmert. Von diesem Glück können wir doch etwas abgeben.

  • Rupert Neudeck (75) verbrachte seine Kindheit in Hagen. Der Journalist und Menschenrechtler war im Jahr 1979 einer der Gründer des Flüchtlings-Komitees „Cap Anamur/Deutsche Notärzte e.V.“. Nach der Gründung 2003 wurde er Vorsitzender der Hilfsorganisation „Grünhelme e.V.“