Viel Kritik an Schwerter Flüchtlingsheim in KZ-Baracke

Flüchtlinge sollten in einer ehemaligen SS-Wachbaracke unterkommen.
Flüchtlinge sollten in einer ehemaligen SS-Wachbaracke unterkommen.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Der Plan zur Unterbringung von Flüchtlingen in einer ehemaligen KZ-Außenstelle sorgt für Wirbel. Die Stadt Schwerte geht jetzt in die Offensive.

Schwerte.. Kein Ort für Flüchtlinge. Die Pläne der Stadt Schwerte, 21 Frauen und Männer in einer ehemaligen SS-Wachbaracke der Außenstelle des KZ Buchenwald unterzubringen, stoßen auf heftige Kritik. NRW-Integrationsminister Guntram Schneider (SPD) ist empört und will das Vorhaben stoppen. Am Donnerstag haben sich die Verantwortlichen der Stadt eisern in Schweigen gehüllt. Kein Kommentar unter allen Telefonnummern.

Der Arbeitskreis

Hans-Bernd Marks, ehrenamtlicher Sprecher des Arbeitskreises Asyl, kann frei sprechen. Vor dem geschichtlichen Hintergrund des Gebäudes hat der 68-Jährige Verständnis für die Aufregung. Ihn selbst stört der Ort nicht: „Wir tragen die Entscheidung der Politik mit. Und haben damit kein Problem.“ Warum nicht? „Weil es die bessere Lösung gegenüber keiner Lösung ist.“ Er weiß um die Not der Frauen und Männer, die es auf der Flucht vor Krieg und Elend nach Schwerte verschlagen hat. „Zwei der drei Übergangsheime der Stadt sind voll. Und eins ist mit mehr als 100 Bewohnern restlos überfüllt. Es bietet Platz für 60 Personen. Wir sind gegenwärtig froh über jede Übergangslösung.“

Flüchtlinge Wenn überhaupt, so Marx, habe jeder Flüchtling in der Stadt derzeit vier Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung: „Das geht auf Dauer gar nicht. Da sind Konflikte und Streit untereinander programmiert.“

Das Konzept

Mit der Stadt hat der Arbeitskreis Asyl im vergangenen Sommer ein Unterbringungs- und Betreuungskonzept erarbeitet, das die dezentrale Unterkunft der Neuankömmlinge vorsieht: „Der Mindeststandard liegt bei neun Quadratmetern pro Person.“ In dem umstrittenen Gebäude soll es künftig Zwei-Bett-Zimmer geben.

Angesichts der vertrauensvollen und praxisnahen Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung rechnet der Rentner angesichts des öffentlichen Druckes nicht mit einem Rückzug der Stadt: „Ich glaube nicht, dass die Stadt einknickt.“ Wer in diesen Tagen zwischen den Aussagen und Zeilen hören und lesen kann, muss zu diesem Ergebnis kommen. Marx: „Wo fangen wir an und wo hören wir auf, wenn wir alle Gebäude, in denen Nazis waren, räumen würden.“

Die Historie

Wer sich näher mit der Geschichte der heute sanierten Flachbauten beschäftigt, erfährt, dass das Arbeitslager des KZ Buchenwald Anfang April 1944 mit 100 Häftlingen eingerichtet worden ist. Seit seiner Auflösung am 21. Januar 1945 sind die Räume vielfach genutzt worden.

Aufreger Nach den zuletzt 201 polnischen Zwangsarbeitern, die im damaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerk Schwerte-Ost Lokomotiven reparierten, kamen am Ende des Zweiten Weltkriegs Vertriebene aus Ungarn. Auch in den 1990er Jahren waren dort bereits Flüchtlinge untergebracht. Danach zog ein Kindergarten ein und richteten Künstler ihre Ateliers ein.

Das Medienecho

Die Pläne der Stadt Schwerte haben national und international ein großes Echo ausgelöst. Von der britischen Zeitung „The Telegraph“ über Spiegel-Online bis zum Magazin „Stern“ wird kritisch darüber berichtet. Der Hinweis, dass zahlreiche Nazi-Bauten weiter genutzt worden sind, fehlt nicht. Auch das Satire-Magazin „Titanic“ lässt sich diesen Anlass nicht entgehen, meldet Bedenken an und bezeichnet den Sprecher der Stadt als Sprecher der „Schwerter Gauleitung“.