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Über den Tod spricht kaum jemand

23.01.2015 | 00:11 Uhr

Witten/Herdecke. Nur schnell weg. Ins Schwesternzimmer vielleicht, oder in den Behandlungsraum. Hauptsache dem Gespräch aus dem Weg gehen mit dem Mann, der Frau, den Kindern und Enkeln, die auf dem langen Flur des Krankenhauses entgegenkommen, um dem sterbenden Angehörigen vielleicht einen der letzten Besuche ­abzustatten.

Über den Tod, das Sterben will kaum jemand reden, manchmal offenbar auch die nicht, die täglich damit zu tun haben. 30 junge Leute haben es dennoch getan, haben sich um eine Unterhaltung mit einem Sterbenden oder dessen Angehörigen beworben – und sich bei diesen offensichtlich unendlich schweren Gesprächen filmen lassen. Ein Projekt der Universität Witten/Herdecke und der Uni Düsseldorf mit dem Ziel herauszufinden, wie sich die Einstellung junger Menschen zum Tod verändert, wenn sie Sterbenden begegnen.

Gespräche sind zwei Jahre her

Heutzutage eine ungewöhnliche Erfahrung. Obwohl der Tod doch in Filmen, Krimis, Nachrichten allgegenwärtig ist, gehört er längst nicht mehr zum Leben: Das Sterben findet in der Regel im ­Krankenhaus statt fern vom Alltag.

Mehr als zwei Jahre sind diese Gespräche über den Tod her – und nun analysiert. Die Ergebnisse dieser Forschung wollen sich die Wissenschaftler nun vor allem für die Ausbildung von Ärzten und Pflegekräften zu nutze machen.

Zwei Typen hat Pflegewissenschaftlerin Christine Dunger seitdem ausgemacht und jetzt auf einer Tagung vorgestellt, wie sich die Einstellung zum Lebensende durch Gespräche verändert. Da sind auf der einen Seite diejenigen, die noch gar keine Erfahrung mit Tod und Sterben gemacht haben. Die Eltern leben noch, die Großeltern ebenso. „Sie haben zwar die Notwendigkeit gesehen, sich damit auseinanderzusetzen“, so Christine Dunger. „Den Tod aber haben sie zuvor als rein natürlichen und notwendigen Vorgang im Kreislauf des Lebens gesehen“, hat die Wissenschaftlerin beobachtet. „Nach dem Projekt jedoch sehen sie auch die Mitmenschen des Sterbenden, realisieren, welche Lücke der Tod in ihrem Leben hinterlässt.“

Und es gibt die anderen, die den Verlust vielleicht schon aus Erfahrung kennen, sei es beruflich oder privat, und die Sprachlosigkeit, die er oft auslöst. Diejenigen, die nicht darüber reden, Beerdigungen fern bleiben. Die wie die Pflegekraft im Krankenhaus die Begegnung mit den Angehörigen meiden.

Dieser zweite Typ der ­Teilnehmer suche nun nach Abschluss des Projekts sowohl bei der Arbeit wie auch im Privatleben intensiv das Gespräch. Sie haben erkannt, berichtet die Wissenschaftlerin, dass sie das Risiko, etwas ­Falsches zu sagen, eingehen müssen. „Sie wissen nun, wie wichtig es ist, für die Sterbenden wie die Angehörigen, da zu sein. Dass man manchmal nicht einmal sprechen muss, sondern nur mit aushalten“, sagt sie.

Jeden Tag genießen

Das Gespräch nehme einem nicht die Angst vor dem Sterben und dem Tod, habe ihr eine Teilnehmerin erklärt. Aber das Gespräch sei eine Möglichkeit, mit der Angst und dem Verlust umgehen zu lernen. Vielleicht wie die Studentin Stella mit Humor, weil eine „Kommunikation am Lebensende ohne Humor nicht lebendig ist und dass sie, wenn der Humor stirbt, auch erlischt“.

Sie haben aber auch gelernt, mit dem Leben umzugehen. Die meisten der jungen Leute hätten ein Gespräch erwartet mit einem weisen alten Menschen, der sein Leben reflektiert hat, so Christine Dunger. Zu erfahren, dass der Tod manchen vorher einholt, wie zum Beispiel die 46-jährige Krebspatientin, habe dazu geführt, „dass sie Prioritäten für sich setzen, bewusst danach leben und jeden Tag genießen.“

Nina Grunsky

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2015-01-23 00:11
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