Trend Nachhaltigkeit - Bio und Regionalität reichen nicht

An der Universität Witten-Herdecke diskutieren Experten die Nachhaltigkeit in der Lebensmittelindustrie. Im Bild (v.l.n.r.): Stefan Lenk (REWE), Friedhelm Dornseifer (Dornseifer), Michael Durach (Develey Senf & Feinkost), Sabine Kästner (Laverana Naturkosmetik), Bernd Biel (Moderator) und Maren Raß (Verbraucherin).
An der Universität Witten-Herdecke diskutieren Experten die Nachhaltigkeit in der Lebensmittelindustrie. Im Bild (v.l.n.r.): Stefan Lenk (REWE), Friedhelm Dornseifer (Dornseifer), Michael Durach (Develey Senf & Feinkost), Sabine Kästner (Laverana Naturkosmetik), Bernd Biel (Moderator) und Maren Raß (Verbraucherin).
Foto: MATTHIAS GRABEN
Was wir bereits wissen
  • Die Umwelt ist wichtig, aber auch das Soziale und die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit.
  • Den Verbrauchern muss man das Thema noch besser erklären.
  • Die Unternehmenskultur entscheidet.

Witten.. Die Allgegenwart des Modeworts mag nerven. Doch wer will schon ernsthaft etwas gegen Nachhaltigkeit sagen? Da geht es doch um alles, was gut ist für die Umwelt und die Gesellschaft, um Gesundheit und Bildung, Soziales und Chancengleichheit, Diversität und Artenschutz. Und doch ist man irgendwie dankbar, wenn Friedhelm Dornseifer, Inhaber von 17 Supermärkten, vorwiegend im Sieger- und Sauerland, einen Satz wie diesen sagt: „Ein uraltes Fleischwurstrezept ändere ich nicht wegen der Nachhaltigkeit - sonst springt mir der Kunde ins Gesicht.“

Geschmack und Vertrauen

Das war gestern auf einer Podiumsdiskussion bei der Zukunftskonferenz Food in der Universität Witten/Herdecke. Dabei ging es darum, was Handel und Hersteller gemeinsam tun können , um den Zukunftstrend Nachhaltigkeit zu fördern. Dornseifer sieht sich da im Vorteil: „Regionalität schafft Glaubwürdigkeit.“ Wenn das Unternehmen auf Energieeffizienz achte, soziales Engagement pflege und die Beschäftigten zufrieden seien, wenn man aus den Fertiggerichten die Zusatzstoffe entferne, dann sei man auf einem guten Weg. Aber bei der Fleischwurst ist eben Schluss, denn: „Genuss und Geschmack sind entscheidend. Dann kommt Vertrauen.“

Ernährung Stefan Lenk, der neun Rewe-Märkte im Ruhrgebiet betreibt, sieht das ähnlich mit der Nachhaltigkeit: die Mitarbeiter anständig behandeln, sich energetisch auf einen vernünftigen Stand bringen, sparsam mit Ressourcen umgehen und auch die Kartoffeln vom Bauern gegenüber verkaufen.

Unternehmen wollen nachhaltig werden

Aber merkt das der Kunde? Wie findet er entsprechende Produkte? Häufig gar nicht. Studentin Maren Raß, die für die Verbraucher sprach, gab zu, sie habe sich öfter getäuscht, wenn sie Marken als mehr oder weniger nachhaltig bewerten sollte. „Wir müssen das noch mehr erklären“, meinte auch Lenk. Wenn die Kunden es denn wissen wollen. „Es ist eine Minderheit, die sich für Nachhaltigkeit interessiert“, urteilt Dornseifer, „aber eine wachsende“. Teilweise seien die Verbraucher aber sehr gut informiert: „Da müssen die Mitarbeiter mitkommen, sonst kriegen wir ein Problem.“

Und die Hersteller: Wünschen sich mehr Aufmerksamkeit. „Bei uns ist es schon durch den Namen Naturkosmetik einfacher“, sagt Sabine Kästner von Laverana. Man schalte aber jetzt auch TV-Werbung. Michael Durach (Develey Senf) sieht sich als Mittelständler zu großen Werbeanstrengungen nicht in der Lage. Sein Ansatz ist aber auch ein anderer: „Wir müssen für unser Unternehmen und die nachfolgenden Generationen nachhaltig werden. Früher oder später dringt das auch nach außen. neue und bessere Produkte entstehen aus einer veränderten Unternehmenskultur.“ Wichtig sei es anzufangen, die Dinge richtig zu machen und nicht immer zu fragen, was es koste.

Gewissen und Gesundheit

„Gewissen und Gesundheit werden beim Einkauf immer wichtiger“, berichtet Maren Raß, immer mehr Fotos von fit machenden Lebensmitteln würden gepostet. Friedhelm Dornseifer sieht das nicht unkritisch: „Vegane und vegetarische Ernährung sind nicht ausgewogen. Und es gibt immer mehr psychosomatische Krankheiten durch den Reinlichkeitsfimmel.“

Letzterer ist allerdings sicher nicht nachhaltig. Und offen blieb, ob eine nachhaltige Fleischwurst nicht auch schmecken könne. Einigkeit bestand aber in einem Punkt: Der Trend geht in Richtung mehr Nachhaltigkeit. Und das Tempo bestimmen die Verbraucher.