Tough Mudder kennt keine Verlierer

Foto: WP Ted Jones
Was eigentlich ist Tough Mudder? Das Englisch-Deutsch-Wörterbuch gibt eine unbefriedigende Antwort: „Zäher Schlamm“! Reichte mir nicht. Ich wollte es genau wissen.

Arnsberg.. Und so stand ich im vergangenen Jahr in früher Morgenstunde bei Nebelschwaden auf grünen Wiesen am Start des „Tough Mudder“ in Herdringen. Ein weltweit populäres Extremsport-Ereignis ist im Sauerland angekommen. Und mit ihm fast 9000 Menschen - eine Ansammlung an irren Typen, etwas Verrückten und höchst interessanten Menschen.

Auch heute und morgen werden sie wieder da sein. In der Regel junge Menschen aus den vitalen Ballungsräumen, meist irgendwo zwischen 20 und 35. Kraftprotze vom Typ Polizeischüler, studentische Gruppen aller Fakultäten und Gewichtsklassen. Jungs und Mädels, die gemeinsam als Team an Grenzen stoßen und Spaß haben wollen. Eine Zielgruppe, nach der sich das Sauerland aufgrund des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels die Finger leckt. Alle da - auf einem Haufen.

Sie kommen, um gut 18 Kilometer durch die Ländereien des Jagdschlosses Herdringen zu rennen und sich dabei der Herausforderung eines Dutzends schriller Hindernisse zu stellen. Auch ich habe mich getraut: Eiswasserbecken, Krabbelröhren, Matschbäder, Turmsprünge und Kletterwände. Mal kostet es Überwindung, mal bedarf es Hilfe, der Hühnerleiter eines jungen Mitstreiters oder des rettenden Griffs eines Gorillas auf der Kante einer unüberwindlich-glitschigen Half-Pipe. Der gute Mann riss mir fast die Arme aus, hat es aber wirklich gut gemeint. Nur die Stromstoß-Hindernisse ließ ich aus - nach fast 30 Jahren gesundem Wettkampfsport sollte mein letztes Stündlein nicht an elektrisch geladenen Bindfäden schlagen.

Hochgelobter Schauplatz

Ich hab’s überlebt. Eine profilierte Strecke, die ohne Hindernisse durch Berg- und Talfahrten schon ambitioniert genug ist. Landschaftlich ein Traum. Eine Strecke, die von der Tough-Mudder-Szene aber in höchsten Tönen gelobt wird. Natur und Topographie des Sauerlandes sind ein Hindernis für sich.

Genau das Richtige für einen Tough-Mudder-Fan, für den hart immer noch viel zu weich ist. Ich hätte es ahnen müssen, schon bevor es wirklich losging. Die erste Startgruppe wie in ein Viehgatter getrieben und dort von einem Instruktor hoch gepuscht. Martialische Aufwärmübungen - und immer wieder dieses herdenartige Tough-Mudder-Gebrüll. „Was wollt ihr?“, bollert der Vorturner. Und eine Hundertschaft schreit zurück: „Tough Mudder!!!“ Immer und immer wieder. Kollektive Einschwörung auf die große Herausforderung der es sich beweisen wollenden Fitness- und Spaßgeneration.

Fast schon religiös wird es kurz vor dem Start, wenn der Mentor fordert: „Kniet nieder!“ Und alle fallen adrenalingeschwängert auf die Knie und sprechen die zehn Gebote des Tough Mudder, schwören sich Durchhalten, Fairness und vor allem Teamwork. Gegenseitige Hilfe ist das eiserne Gesetz. Auch mir wurde geholfen, wenn ich im Matsch feststeckte, mir wurden Hände gereicht, und auch ich drückte dicke Hintern über Strohballen und zog nach Luft japsende Modellathleten aus dem Schlamm. Und irgendwie macht das stolz.

Mehr als 100 Euro Startgeld

Fast 9000 Menschen wollen das auch jetzt in Herdringen erleben. Und lassen sich das einiges kosten. Startgelder um 100 Euro schrecken nicht ab. Spät- und Nachmelder zahlen sogar 120 und 140 Euro. Mindestens noch ein Zehner für den Parkplatz kommt dazu. Irgendwo muss ja auch die Wechselwäsche mitsamt Autoschlüssel aufbewahrt werden. Kostet natürlich auch noch mal extra.

Verlierer kennt diese Veranstaltung nicht, nur Sieger. Keine Uhr läuft mit, keine Ergebnisliste wird geführt. Es zählt nur eins: Geschafft - du bist nur einer von ganz vielen, und doch dein persönlicher Held für den Moment.

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