Tödliche Kollision in Kurve 13

Winterberg..  Am Tag nach dem tragischen Tod eines 25-jährigen Mannes aus Hamm auf der Winterberger Bobbahn steht der Beginn der Deutschen Skeleton-Meisterschaften ganz im Zeichen des Dramas am frühen Samstagmorgen. Bahnsprecher Paul Senske gedenkt des Toten und der beiden Verletzten mit einer kurzen Ansprache und einer Schweigeminute, an der sich alle Sportler und Zuschauer beteiligen.

Ein paar Handschuhe waren es, die 24 Stunden zuvor direkt neben der Eisrinne der Bob- und Rodelbahn Winterberg kurz vor der Zielkurve im Schnee die Blicke auf sich gezogen hatten.

Bedrückende Fundstücke

Eigentlich sind solche Fundstücke im Winter nicht wirklich ungewöhnlich, wären da nicht die Blutspuren ringsherum und die traurigen, fassungslosen Gesichtsausdrücke gewesen. Die letzten übriggebliebenen Spuren des tödlichen Unfalls, der sich am frühen Samstagmorgen gegen 4 Uhr in der Winterberger Kunsteisbahn ereignet hat, erinnern an das zuvor Undenkbare.

Eine heimliche Rodelpartie mit Kinderbobs endet für einen 25-jährigen Mann aus Hamm tödlich, seine zwei 26 und 29 Jahre alten Freunde liegen schwer verletzt im Marburger Krankenhaus.

Bis auf die Blutspuren deutet wenige Stunden nach der verhängnisvollen Abfahrt so gut wie nichts mehr auf die Tragödie hin, die sich kurz vor dem Eintreffen der Bobbahn-Mitarbeiter in den frühen Morgenstunden ereignet hat. Die Tore des Bobbahn-Geländes sind fest verschlossen, die Kunsteisbahn ist von der Staatsanwaltschaft gesperrt worden – und auf dem Slalomhang direkt gegenüber der internationalen Wintersport-Stätte freuen sich viele Skifahrer und Snowboarder auf einen schönen Wintersport-Tag.

Auch das Trecker-ähnliche Fahrzeug zur Eisbearbeitung, das über Nacht kurz vor der Zielkurve in der Eisrinne gestanden hat und mit dem die drei Männer kollidiert sind, ist bereits abtransportiert.

Das Trio aus Hamm sei mit einer weiteren Person nachts mit dem Auto zur Bobbahn gefahren, informiert Polizei-Pressesprecher Ludger Rath vor Ort. „Im Startbereich haben sie sich unerlaubt Zutritt zum Gelände verschafft, um mit den Kinderbobs die Bobbahn hinunter zu fahren“, so Rath weiter. Die vierte Person sollte mit dem Auto zum Zielbereich fahren, um die „Bobfahrer“ wieder abzuholen.

Doch es kommt anders. Gegen kurz nach vier Uhr hört ein Anwohner Hilfeschreie und verständigt sofort die Rettungskräfte. Als diese eintreffen, erwartet sie ein schreckliches Unfall-Szenario. Trotz der schnellen Versorgung kommt für den 25-jährigen Mann jede Hilfe zu spät.

Video-Aufzeichnungen

Tief betroffen zeigt sich wenige Stunden nach dem Unfall auch die Geschäftsführerin der für die Bobbahn zuständigen Erholungs- und Sportzentrum Winterberg GmbH, Petra Sapp. Zum Unfall-Hergang selbst und zu der Frage, ob das Abstellen des Fahrzeuges zur Eisbearbeitung in der Bahn über Nacht üblich sei, möchte sie mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen von Polizei und Staatsanwalt nichts sagen. Genau 50 Tage vor Eröffnung der Bob- und Skeleton-Weltmeisterschaft „rückt nach diesem Unglück alles natürlich völlig in den Hintergrund. Die Gedanken sind bei den Hinterbliebenen“, sagt Pe­tra Sapp betroffen.

Die Staatsanwaltschaft aus Arnsberg ermittelt vor Ort die Ereignisse der Nacht. Dabei helfen die Aufzeichnungen der Videokameras, die an den Eingangstoren der Bahn installiert sind. Die zeichnen laut Alois Schnorbus, neben Petra Sapp für die WM-Organisation verantwortlich, auch nachts auf und haben exakte Hinweise darauf gegeben, wie die Männer auf das Gelände gekommen sind. Schnorbus kennt die Geschichte der Bob- und Rodelbahn in- und auswendig, einen solchen Unfall habe es noch nie gegeben. Zweifel an den Sicherheitsvorkehrungen hat er nicht: „Wir erfüllen die höchsten Sicherheitsansprüche auf und an der Bahn und sind eigentlich auch nicht verpflichtet, das Gelände einzuzäunen. Gegen solche Vorfälle kann man sich nicht schützen.“

Neben der Verarbeitung der nächtlichen Ereignisse müssen Sapp und Schnorbus aber auch wichtige Entscheidungen treffen. Die Staatsanwaltschaft hat den Eiskanal gegen 12 Uhr wieder freigegeben, es stellt sich die Frage: Ist die Durchführung einer Deutschen Meisterschaft nach einem solchen Unglück möglich? Die Antwort darauf geben die Sportler: „Sie haben uns signalisiert, dass sie die Meisterschaft trotz des tragischen Unfalls fahren würden“, berichtet Alois Schnorbus.

Vertrauen in die Sicherheit

Auch Petra Sapp betont, dass von Seiten der Bobbahn-Verantwortlichen das nötige Maß an Professionalität gefordert sei, mit der Situation angemessen umzugehen. „Es ist ein tragischer Unfall, der aber mit dem Leistungssport nichts zu tun hat“, so Sapp. Den Sportlern müsse die Möglichkeit gegeben werden, diese wichtige Veranstaltung durchzuführen. „Wenn wir im Zuge der Ermittlungen Erkenntnisse erhalten, wie wir die Sicherheit an der Bahn noch verbessern können, werden wir diese natürlich umsetzen.“

Nach den Wettkämpfen am Sonntag finden die Taxibob-Fahrten reges Interesse. Tobias und Stefan sind dafür extra aus Köln angereist. Von dem tödlichen Unfall haben sie gehört, er hat sie aber keine Sekunde an ihrer geplanten Bobfahrt, einem Geburtstagsgeschenk, zweifeln lassen. „Wir haben keine Angst vor der Fahrt, sondern vertrauen absolut der Sicherheit der Bahn. Das, was gestern hier passiert ist, hat mit den regulären Abläufen nichts zu tun.“