Tierheime kämpfen ums Überleben

Sich um aufgefundene Katzen oder Hunde zu kümmern, ist Aufgabe der Kommunen. Die delegieren das gerne an Tierschutzvereine, bezahlen aber weniger als diese für die Betreuung aufwenden.
Sich um aufgefundene Katzen oder Hunde zu kümmern, ist Aufgabe der Kommunen. Die delegieren das gerne an Tierschutzvereine, bezahlen aber weniger als diese für die Betreuung aufwenden.
Foto: Jürgen Theobald
Was wir bereits wissen
  • Ein Drittel der Einrichtungen ist von Insolvenz bedroht
  • Wuppertal musste im Sommer schließen, Brilon steht auf der Kippe
  • Kommunen bezahlen zu wenig

Hagen..  Das Wohl der Tiere liegt den Menschen am Herzen. Sie engagieren sich für Tierschutz, schimpfen über Massentierhaltung und diskutieren über Tierrechte der Tiere. Zugleich kämpft jedes dritte Tierheim in NRW ums Überleben. Wie das zusammenpasst? Gar nicht.

In Wuppertal hat sich der Tierschutzverein mehr als 30 Jahre lang um aufgefundene Tiere gekümmert. Bis zum Sommer: Das Tierheim musste schließen. Das Geld reichte nicht. Jedes Jahr fehlten 200 000 Euro. Die Stadt habe über Jahre hinweg nur ein Drittel der Kosten für Fundtiere erstattet, berichtete Heimleiterin Eva-Maria Scheugenpflug. Auf Dauer seien die restlichen zwei Drittel allein aus Spenden und Mitgliedbeiträgen nicht finanzierbar gewesen.

Landestierschutzverband warnt

Ralf Unna vom Landestierschutzverband, dem mehr als 200 Tierschutzvereine und private Tierheime angeschlossen sind, geht davon aus, dass ein Drittel der Heime akut von der Insolvenz bedroht ist und es einem weiteren Drittel wirtschaftlich schlecht geht.

Auf der Kippe steht seit Monaten auch das Tierheim in Brilon. Der Verein hat wegen der angespannten Finanzlage Probleme, einen handlungsfähigen Vorstand zu stellen. Die Ausgaben übersteigen die Einnahmen beträchtlich, und eine Erbschaft, die zuletzt den Betrieb des Tierheims sicherte, wird Ende 2017 aufgebraucht sein. Und größere Teile des Hauses sind sanierungsbedürftig. Der finanzielle Zuschuss aus Brilon, Olsberg, Marsberg, Winterberg, Medebach, Hallenberg und Willingen ist von einst mehr als 60 000 Euro auf zeitweise weniger als 50 000 Euro gesunken.

„Es wird überall weniger gezahlt“, sagt Tobias Neumann, Leiter des Siegener Tierheims, „dabei sind die Kosten für die Tiere gestiegen; viele sind krank und alt oder verletzt.“ Das Tierheim Siegen sei nicht akut bedroht, aber die Zahlungen der Stadt seien „absolut nicht kostendeckend“. Rechtlich gesehen ist es Aufgabe der Kommunen, sich um Fundtiere zu kümmern. Die Stadt Hagen beispielsweise, die ein eigenes Tierheim betreibt, tut das. Aber das ist die Ausnahme. Viele Kommunen treten die Aufgabe an Tierschutzvereine ab und regeln die Kostenerstattung vertraglich. Und bei den Verhandlungen sind die Vereine meist in der schlechteren Position.

Die Vereine würden oft auf die billigere Konkurrenz verwiesen, sagt Neumann. „Aber eine kleine Hundepension schläfert ein halb totes Tier wahrscheinlich ein. Wir haben letztens einen extrem vernachlässigten Hund nur deshalb durchgebracht, weil wir einen angestellten Tierarzt haben.“

Tierheime sind erpressbar

„Wenn man die Tiere optimal versorgen will, rechnet sich das nie“, sagt auch Iris Drosten vom Tierheim Olpe. Die Tierheime seien erpressbar: „Wir sagen ja nicht, wir versorgen diese Tiere nicht, weil die Kommunen zu wenig bezahlen.“ Die Folge: „Wir leben von der Hand in den Mund, es gibt immer wieder schwierige Situation, und wir sind nie auf der sicheren Seite.“

Was also tun? Tobias Neumann wünscht sich die Festlegung von Standards für die Unterbringung. Dann hätte man eine bessere Grundlage, um über die Kosten zu verhandeln und müsse sich nicht vorwerfen lassen, man biete zu viel Luxus.

Ähnlich argumentiert der Landestierschutzverband, der seit Jahren versucht, mit dem Städte- und Gemeindebund NRW zu einer Rahmenvereinbarung zu kommen. Auch der Deutsche Tierschutzbund fordert einen einheitlichen Rahmen, in dem Minimal- und Maximalbeträge festgelegt sind. Verbandssprecher Marius Tünte benennt ein weiteres Problem: Ein Hund bleibe durchschnittlich dreieinhalb Monate im Heim, viele Kommunen bezahlten aber nur für 28 Tage. Folge laut Tierschutzbund: Die Tierheime bleiben auf 70 bis 75 Prozent ihrer Kosten sitzen.