Telemedizin als Rezept gegen Ärztemangel in Südwestfalen

Maria Hilf Krankenhaus Brilon Neuronet Schlaganfall
Maria Hilf Krankenhaus Brilon Neuronet Schlaganfall
Was wir bereits wissen
Weil auf dem Land Mediziner immer rarer werden, will die große Koalition in Berlin künftig verstärkt auf Telemedizin setzen. Viele Kliniken im Sauerland setzen längst auf die modernen Diagnoseverfahren. So will man auch den Patienten weite Wege zu Experten ersparen.

Hagen/Brilon.. Landärzte gibt es immer weniger, Patienten aber genug. Vor allem ältere, denen es zunehmend schwer fällt, weite Wege quer durch Südwestfalen auf sich zu nehmen. Deshalb will die Große Koalition künftig verstärkt auf Telemedizin setzen. Patienten mittels moderner Kommunikationstechnologien zu betreuen, das soll leichter werden, falls das geplante E-Health-Gesetz auf den Weg kommt.

„Es wird allerhöchste Zeit“, sagt Reimund Siebers, Unternehmens- und Projektentwickler im Briloner Krankenhaus Maria Hilf und zugleich Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin. Denn ohne die modernen Kommunikationstechnologien sei die flächendeckende Versorgung auf dem Land nicht mehr möglich, mahnt er.

Zum Beispiel, wenn es darum geht, Schlaganfallpatienten zu retten. „Da zählt jede Minute“, weiß Siebers. Und deshalb könne der Weg aus dem Raum Brilon zu den Spezialisten der nächsten „Stroke Unit“ in Paderborn oder Arnsberg insbesondere im Winter bei Schnee und Eis schon zu weit werden. Deshalb setzt man am Maria-Hilf-Krankenhaus auf Teleneurologie: Die Briloner Klinik arbeitet mit der Universitätsklinik in Jena zusammen.

Hilfe im Notdienst

Kommt ein Patient mit den Symptomen eines Schlaganfalls, schaltet der Arzt am Briloner Krankenhaus einen Kollegen aus Thüringen per Videokonferenz dazu. So kann sich der Experte aus Jena nicht nur mit seinem südwestfälischen Kollegen absprechen, sondern auch die Untersuchungskamera zur Pupillendiagnostik fernsteuern. Zudem werden ihm Daten von Computertomographie, MRT und EEG übermittelt. Anders wäre die schnelle Behandlung in einer kleinen Klinik wie der Briloner kaum mehr möglich. Auch im Notdienst seien kleine Kliniken wie Brilon auf Hilfe per Telemedizin angewiesen, schildert Siebers.

Weil die Klinikstandorte abgenommen haben, die Anfahrtswege dadurch teils länger geworden sind, hat man auch am Klinikum Arnsberg nun die Rettungswagen vernetzt. So können Herzfrequenz, Blutdruck und Sauerstoffsättigung, wichtige Vitaldaten eines Herzinfarktpatienten schon aus dem Rettungswagen über eine gesicherte Internetverbindung an den diensthabenden Kardiologen in der Klinik übermittelt werden. Beim Eintreffen des Patienten seien dann bereits alle Vorbereitungen für die Behandlung getroffen, um die Zeit, die man vielleicht auf dem längeren Weg verloren hat, zu verkürzen, heißt es.

Um alte Menschen künftig besser zu versorgen, baut man in Brilon zudem ein Geriatrienetz auf: Wird ein Patient aus der Klinik entlassen, sollen Haus- und Fachärzte, Altenheim oder ambulanter Pflegdienst Einblick in die arztgeführte elektronische Fallakte mit allen wichtigen Informationen wie Medikation und Wundversorgung bekommen. So ließen sich weitere unnötige stationäre Klinikaufenthalte vermeiden, „und die sind für ältere, insbesondere demente Patienten oftmals fatal“, so Siebers.

Er schwärmt auch von der Versorgung von Herzpatienten nach der Entlassung aus der Klinik, wie er sie aus Ostwestfalen kennt. Dort können Patienten Vitalwerte von zu Hause übermitteln, statt zum Blutdruckmessen persönlich in der Praxis zu erscheinen.

Eine Frage des Datenschutzes

Dass dies längst nicht allerorten möglich ist, liegt Siebers zufolge wie so oft am Geld: „Es gibt noch keine Vergütungsziffern dafür.“ Ärzte bekommen diese Leistungen noch nicht erstattet. Unter anderem, weil noch zu klären ist, welcher Arzt die Leistung abrechnen darf, wenn mehrere Mediziner über eine Datenleitung an der Diagnose beteiligt sind, gibt Christopher Schneider von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe zu bedenken. Datenschutz und Arzthaftung nennt er als weitere Hindernisse, die die flächendeckende telemedizinische Versorgung bisher erschweren.

Man dürfe aber nicht länger warten, sonst stehe man im ländlichen Raum bald mit dem Rücken an der Wand, warnt Siebers, der schon seit 15 Jahren für die Telemedizin in Südwestfalen kämpft. Immerhin: „In den vergangenen beiden Jahren“, zeigt er sich zuversichtlich, „hat sich viel getan.“