Supermarkt-Geiseln wollten Attentäter mit seinem Gewehr erschießen

Pa.  /Die Kunden machten gerade ihre letzten Einkäufe für den jüdischen Schabbat, der am Freitagnachmittag begann. Dann stürmte Amedy Coulibaly schwer bewaffnet den koscheren Supermarkt. Doch einige der Geiseln ergaben sich nicht tatenlos ihrem Schicksal, bis die Polizei kurz nach 17 Uhr das ­Geschäft am östlichen Rand von ­Paris stürmte. Laut französischen Presseberichten spielten sich dort heroische Szenen ab.

Ein 20-jähriger Angestellter versuchte zusammen mit dem 22 Jahre alten Sohn eines bekannten Rabbiners den Geiselnehmer mit einem seiner Gewehre anzugreifen, das dieser auf einer Ladentheke abgelegt hatte. Doch die Waffe klemmte und Coulibaly erschoss die beiden vor den Augen der anderen Geiseln.

Das Chaos nutzten andere Kunden, um in den Keller in einen Kühlraum zu flüchten. In ihrem bitterkalten Versteck mussten sie mehr als vier Stunden lang ausharren. Unter ihnen war ein Vater mit ­seinem drei Jahre alten Sohn. Er versuchte, den Jungen mit seiner Jacke zu wärmen und ruhig zu halten, damit sie der Terrorist nicht entdeckt.

Auch mehreren anderen Einkäufern gelang die Flucht in den Keller, bei der ihnen ein muslimischer ­Angestellter aus Mali half: Er habe die Tür zu dem Kühlraum geschlossen, Licht und Kühlaggregat ab­geschaltet, bevor er selbst mit einem Lastenaufzug entkommen sei und die Polizei über die Einzelheiten ­informiert habe, berichtete der 24 Jahre alte Lassan Bathili später.

Vom Täter selbst tauchte am ­Wochenende im Internet ein Video auf. Es zeigt Amedy Coulibaly und sei über einen Twitter-Account mit Verbindungen zur Terrormiliz IS verbreitet worden, teilte die Beobachtungsplattform Site mit. Coulibaly schwört darin dem IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi die Treue.

Seine Tat begründet der spätere ­Attentäter mit den Angriffen der westlichen Koalition auf die Gebiete des IS: „Ihr attackiert den Islamischen Staat, wir attackieren euch.“ Bei den Angriffen auf den IS würden auch Zivilisten getötet. „Seid Ihr diejenigen, die entscheiden, was auf der Erde passiert?“ Den Treueeid liest er in stockendem Arabisch von einem Zettel ab: „Ich schwöre dem Emir der Glaubensstarken, Abu Bakr al-Kuraischi al-Bagdadi, die Treue in Wohl und Wehe.“

Nach dem Tod der drei Attentäter hielt sich zunächst noch die Sorge, der Albtraum könnte immer noch nicht vorüber sein. Fieberhaft suchte die Polizei nach Hayat Boumeddiene. Die 26 Jahre alte Frau mit den dunklen Haaren hatte Amedy ­Coulibaly 2009 in einer religiösen Zeremonie geheiratet. Die Polizei hält sie für seine Komplizin. Zunächst gab es Gerüchte, sie sei mit ihm in dem Supermarkt gewesen und bei der Erstürmung durch die Polizei entkommen.

Mittlerweile scheint klar zu sein, dass sie bereits am 2. Januar Frankreich in Richtung Türkei verlassen hat, von wo aus sie vermutlich nach Syrien weiterreiste. In der Zeitung „Le Monde“ waren Fotos zu sehen, wie sie tief verschleiert in Südfrankreich mit einer Armbrust trainierte. Weil sie darauf bestanden hatte, mit ähnlicher islamischer Bekleidung zu arbeiten, verlor sie angeblich ihre Stelle als Kassiererin. Die strengreligiöse Frau stammt aus zerrütteten Familienverhältnissen. Ihre Mutter starb, als sie sechs Jahre alt war.

Nachdem Amedy Coulibaly im ­vergangenen Jahr aus der Haft entlassen worden war, zog er wieder mit ihr zusammen. Im Gefängnis war Coulibaly zu einem radikalen Muslim geworden, offenbar auch unter dem Einfluss seines Mithäftlings Chérif Kouachi. Mit ihm und dessen Bruder hatte Coulibaly seine Taten abgestimmt, wie er am Freitag in einem Telefonat mitteilte. Dabei könnte auch Hayat Boumeddiene eine Rolle gespielt haben: Die Polizei fand heraus, dass sie mit Chérif Kouachis Ehefrau Hunderte Telefonate geführt hatte.