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Spyra fotografiert den Exodus der Christen aus dem Nahen Osten

16.10.2012 | 18:01 Uhr
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Spyra fotografiert den Exodus der Christen aus dem Nahen Osten
Die örtliche christliche Miliz unter dem Kommando von Priester Luis Sako schützt die Kirche St. Bernam & Sarah in Karakosh vor Anschlägen islamischer Extremisten.Foto: Andy Spyra

Hagen.   Andy Spyra fotografiert gegen das Vergessen. Das Hagener Osthaus-Museum zeigt seine Arbeiten zur Situation der Christen im Nahen Osten. Es ist die erste Museums-Ausstellung des 28-Jährigen. Für seine Recherchen und Fotografien reiste er bereits in die Türkei, den Irak und nach Ägypten.

Die letzte sichere Festung heißt Karakosh und liegt in der Wüste Ninive. Neun Kirchen gibt es in dem Ort. 2000 bewaffnete Männer bewachen sie. Karakosh ist die größte christlich geprägte Stadt im ganzen Nahen Osten. Hierhin flüchten Christen vor der Verfolgung. Hier ist die Endstation für alle, die sich eine Emigration nicht leisten können. Hier hat der Hagener Künstler Andy Spyra die Fotografien gemacht, die ab Samstag in der Ausstellung „Exodus“ im Hagener Osthaus-Museum zu sehen sind.

Es ist die erste Museums-Ausstellung des hochbegabten 28-Jährigen, der seine Fotografen-Karriere als freier Mitarbeiter unserer Zeitung begann, dann an der Kunsthochschule in Hannover studierte und jetzt als freier Fotograf überall da in der Welt unterwegs ist, wo Menschen Extremsituationen ertragen müssen. Spyra hat in Kaschmir im Tal der Tränen fotografiert und nach dem Bürgerkrieg in Bosnien. Dort wurde er mit Nachbarn konfrontiert, die einander wegen ihrer Religion ermordeten. So entstand die Idee, zu untersuchen, „was Religion außerhalb von Europa für die Menschen bedeutet, vor allem meine eigene Religion.

Türkei, Irak und Ägypten

Wer in ein Krisengebiet fliegt, mit der Kamera abdrückt und kurz darauf wieder im klimatisierten Hotelzimmer sitzt, kommt Lebenslinien nicht auf die Spur. Andy Spyra hat sich deshalb für fotografische Langzeitrecherchen entschieden. „Was bedeutet Glaube, was ist Glaube? Ich möchte das gerne wissen, ich bin einfach neugierig auf diese Welt. Das herauszufinden ist ein Prozess. Man kann nicht alles sofort verstehen, manches dauert lange, manches kann man nie verstehen.“

Für „Exodus“ ist der Hagener dabei, den Nahen Osten zu bereisen. In der Türkei, dem Irak und Ägypten war er schon. „Das Projekt zieht sich geographisch von Istanbul bis Alexandria, umfasst also den Raum der Entstehung des Christentums.“

Beeindruckende schwarz-weiße Fotografien werden in Hagen ausgestellt.Foto: Andy Spyra

Die alten Hände halten einen Schlüssel. Er ist die einzige Erinnerung an die Dorfkirche, die nun leer steht. Der Schlüssel wird mit der Familie auswandern. Er bleibt das Symbol von mehr als 2000 Jahren Geschichte. Andy Spyra fotografiert gegen das Vergessen. Taufen und Beerdigungen und eine Nonne, die den Kindern Aramäisch beibringt, als verzweifeltes Bekenntnis: Das ist euer Land, ihr gehört hierher! Festungsähnliche Siedlungen krallen sich mitten im Nirgendwo in die Wüste. Kirchen und Klöster wurden in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt errichtet. So viel Geschichte und so viel Angst. Denn die Christen sitzen in ihren verteidigten Dörfern fest, feiern die Messe in Kirchen, um die Bewaffnete patrouillieren. Das gelobte Land ist überall, nur nicht hier. Die jungen Leute wollen weg.

Preise für Spyras Schwarz-Weiß-Reportagen

Andy Spyra stellt seine Fotos zum ersten Mal in einem Museum aus.Foto: Michael KLEINRENSING

Andy Spyras Fotos sind spektakulär, aber nicht reißerisch. Sie nähern sich den Menschen mit großem Respekt. Dabei hat der Hagener ein einzigartiges Gespür für die Geste, den Blickwinkel, der Schicksale erzählt, leise, kraftvoll und unvergesslich. Seine Schwarz-Weiß-Reportagen sind mit vielen Preisen ausgezeichnet worden. Der Hagener Museumsdirektor Dr. Tayfun Belgin schätzt den jungen Hochbegabten als „großen Fotografen“, daher hat er „Exodus“ in die neue Ausstellung „Der Folkwang-Impuls“ integriert.

Aus Gaza und Palästina ist Andy Spyra soeben zurückgekehrt. Jordanien und Syrien sollen folgen. Die Reise nach Syrien ist aber noch offen, sie hängt von der Sicherheitslage ab. Andy Spyra ist inzwischen Vater geworden. „Ich gehe immer noch Risiken ein, aber welche, die ich einschätzen kann.“ Das „Exodus“-Projekt berührt den Fotografen nicht nur als Künstler: „Die Wiege unserer Kultur verschwindet. Ich habe hier erstmals das Gefühl, dass ich Geschichte dokumentiere, weil es Christen im Nahen Osten bald nicht mehr geben wird.“

Ausstellung: Andy Spyra: Exodus. 21. Oktober bis 13. Januar im Osthaus Museum Hagen. Die Eröffnung ist am Samstag um 16 Uhr.

Monika Willer

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