Spiel mit Ein- und Ausblicken

Monika Hoffmann zwischen  den hohen, beweglichen Stahltafeln des Künstlers Wilfried Hagebölling in seinem Skulpturenpark bei Paderborn. Inmitten alter Bäume stehen auf einer großen Fläche verschiedenste Arbeiten aus Stahl und Beton.
Monika Hoffmann zwischen den hohen, beweglichen Stahltafeln des Künstlers Wilfried Hagebölling in seinem Skulpturenpark bei Paderborn. Inmitten alter Bäume stehen auf einer großen Fläche verschiedenste Arbeiten aus Stahl und Beton.
Foto: Funke Foto Services
Der Paderborner Bildhauer hat in der Senne in einer alten Hofstelle einen grünen Raum für Kunst geschaffen

Paderborn.. Uralte Hofeichen bewachen die aufgeschnittene Rundung aus rostigem Eisen. Deren Funktion bleibt rätselhaft. Handelt es sich um ein aus Zeit und Raum gefallenes Labyrinth, einen Tempel, eine Ritualstätte vergangener Kulturen? Das Artefakt ist begehbar, innen weicht die Orientierung rasch dem Gefühl klaustrophobischer Enge, bis dann das Auge wieder auf das erlösende Grün des Parks trifft. Wilfried Hagebölling schätzt es, wenn sich neue Perspektiven auftun, wenn man um ein Kunstwerk nicht nur drumherum, sondern auch hinein gehen kann. Der Paderborner Bildhauer hat für seine großen Stahlplastiken einen eigenen Skulpturengarten in der Senne angelegt. Der ist jetzt in das European Garden Heritage-Netzwerk aufgenommen worden.

Fenster und Riegel

Der Künstler gestaltet bewusst das Spiel mit überraschenden Ein- und Ausblicken. Viele seiner Stahlarbeiten sind beweglich, funktionieren mal als Durchbruch zur Welt und dann wiederum als Riegel, der inmitten der weitläufigen Landschaft intime, abgeschlossene Räume schafft. Neben den über drei Meter hohen Eisenplastiken gibt es kleine Volumina aus Beton, die als Streuung in einer Lichtung im Boden versinken und dort vermoosen wie die Relikte eines prähistorischen Gräberfeldes.

„Hier wird der Betrachter nicht nur visuell gefordert, er kann auch aktiv werden“, beschreibt der Künstler den Auftrag seines Skulpturengartens. „Diese verschiedenen Blickwinkel und Aktivitäten sowie die körperliche Wahrnehmung sind ganz wichtig.“

Wilfried Hagebölling, in Witten und Soest aufgewachsen, ist nicht aus Zufall zum Eisen gekommen. „Für mich ist Stahl der Inbegriff von Struktur. Stahl ist ein wichtiges Material unserer Zeit, aber er wird meist verdeckt dargestellt. Am Stahl hängt viel Kultur im Sinne von Fertigung und Erfindungsgeist. Das setzt die Phantasie in Gang.“ Neben dem Stahl mag Wilfried Hagebölling vor allem Gärten. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er 20 seiner Skulpturen, „ein Längsschnitt durch meine Arbeit“, in das historischen Umfeld der alten Hofstelle verpflanzt hat. Mit größter Bedachtsamkeit setzte der Künstler außerdem 3000 Sträucher in die Erde, damit seine Werke sich in immer wieder überraschenden Beziehungen mit Wiese, Wald und See zeigen.

Stahl ist ein ehrlicher Werkstoff. Bei Hagebölling darf er rosten. „Im Ruhrgebiet haben sie ihr ganzes Leben gegen den Rost angearbeitet, das war ihr größter Feind, aber ich möchte, dass Stahl in seiner ursprünglichen Qualität dargestellt wird.“ Doch das früher so futuristische Material ist längst mit der Anmutung der guten alten Zeit aufgeladen, denn „wir leben in einer Plastikwelt. Man kann sich mit einem 3-D-Drucker heute schon einen Motor drucken lassen. Dann wird Stahl historisch.“

Der Schub der Fläche

Hagebölling ist mit zahlreichen Arbeiten im öffentlichen Raum vertreten, so in Bochum, Dortmund, Essen, Marl, Soest, Siegen und Werl. Schon mit 27 Jahren hat er die Aulawand der Realschule in Sundern entworfen, und 1973/74 die Lichtdecke der Sparkasse Arnsberg. In seinen Skulpturen erhält die Fläche ihren eigenen Schub und wird zur Raumerfahrung, Konturen kippen, Außenbahnen verwandeln sich in Schrägen, und Wände rücken zusammen. Nicht umsonst haben manche Arbeiten Titel wie „Raumpflug“. So verweigert zum Beispiel der „Kreuz-Gang“ das vertraute Koordinatensystem. Wer die Tunnel durchschreitet, muss sich auf seine innere Lotlinie verlassen, denn die Wände kennen keine rechten Winkel, verengen und weiten sich unberechenbar, „alles wird Nähe“.

Diese Raumerfahrung korrespondiert mit einer Naturwahrnehmung, die sich im Lauf der Jahreszeiten wandelt. Das ist dem Hagebölling wichtig, denn der Aufbruch der Künstler aus den akademischen Ateliers hinaus in die freie Natur markiert ja den Beginn der Moderne mit ihrer Revolution des Sehens: „Der Skulpturengarten ist meine Liebe, mein Lieblingsort. Es verändert sich immer was, im Winter wirken die Skulpturen völlig anders als im Sommer.“

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www.www.wilfriedhageboelling.de

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