Sind die Gymnasien in Südwestfalen mit ihrem Latein am Ende?

Viele Kinder sind mit ihrem Latein nicht am Ende. Sie lernen die Sprache im Gymnasium.
Viele Kinder sind mit ihrem Latein nicht am Ende. Sie lernen die Sprache im Gymnasium.
Foto: Matthias Graben
Was wir bereits wissen
Auch wenn man das Latinum für eine Studium immer seltener braucht, bleibt Latein als Schulfach in der Region Südwestfalen erstaunlich beliebt.

Südwestfalen.. Sind die Gymnasien in Südwestfalen mit ihrem Latein am Ende? Für immer weniger Studienfächer ist das Latinum Voraussetzung. NRW will noch in diesem Sommer auch angehende Sprachlehrer von der Pflicht entbinden, „errare humanum est“ buchstabieren zu können, eine Gesetzesänderung, die heftige Diskussionen auslöst. Wirkt sich das auf die Latein-Kurse in den Schulen aus? Bisher nicht. In Südwestfalen wächst die Zahl der Lateinlehrer laut Bezirksregierung Arnsberg sogar.

Latein trainiert die Konzentration

Der Finger der Reporterin gleitet im Zufallsmodus über die Landkarte der Region und trifft Brilon, Olpe und Ennepetal. Petrinum, St. Franziskus-Gymnasium und Reichenbach-Gymnasium. Die Überraschung ist groß, denn alle drei Schulleiter entpuppen sich als Lateinlehrer. Gibt es da einen Zusammenhang? „Verwundert Sie das“, fragt Dr. Gerlis Görg, Schulleiterin am St. Franziskus, mit einem Lächeln zurück. „Man ist als Lateiner schon ein strukturierter Denker, und das hilft allemal im Leben.“

Keppel Zwei Drittel der Schüler am St. Franziskus wählen Latein als zweite Fremdsprache. „Wir haben festgestellt, dass Latein das richtige Fach für Kinder ist, die gerne tüfteln. Latein hilft, sich besser zu konzentrieren, manche lernen auch Deutsch durch Latein. Es geht darum, lernen zu lernen, aber es geht auch um die Inhalte“, betont die 57-Jährige und ergänzt: „Es ist schon schade, dass Latein für die Lehrerausbildung nicht mehr benötigt wird, denn es ist eine Grundlage, um Sprachen zu verstehen.“

Überhaupt sei es das falsche Argument, Latein nur als Eignungsvoraussetzung für die Universität zu legitimieren, davon ist Johannes Droste, Direktor des Briloner Gymnasiums Petrinum, überzeugt. „Es wird ja nicht das Latinum abgeschafft, sondern es ändern sich die Zulassungsbedingungen zu manchen Studiengängen.“ Am Petrinum gibt es einen leichten Überhang in Richtung Latein.

Schule Droste ist ein leidenschaftlicher Lateiner: „Die Sprache ist natürlich nicht tot. Es gibt kaum eine Kultur, die Europa in den vergangenen 2000 Jahren so geprägt hat wie die lateinische. Latein hält uns den Spiegel vor. Das Zeitalter, in dem wir leben, nennt man Kommunikationszeitalter. Da ist nichts wichtiger als Sprache. Im Lateinunterricht reflektieren wir das System Sprache. Das schult Argumentations- und Kommunikationsvermögen. Latein trainiert Denken und Sprachkompetenz. Darin liegt der Wert, das können andere Fächer nicht leisten.“

In Ennepetal lernen Hälfte der Schüler Latein und Französisch

Kritiker argumentieren meist damit, dass Latein eine Plackerei sei , die zu viel Zeit koste. „Wenn man alle ­jene Dinge abschafft, bei denen man sich anstrengen muss...“, hält Dr. Stefan Krüger, Schulleiter des Reichenbach-Gymnasiums in Ennepetal, dagegen. „Wenn man im Sport Leistung fordert, fragt doch auch keiner danach, ob man dafür auch einmal schwitzen muss.“

Am RGE nehmen jeweils die Hälfte der Kinder Latein und Französisch, die Zahlen sind seit Jahren stabil. „Die Diskussion, ob wir Latein noch brauchen, ist schon sehr alt. Ich finde es sinnvoll, zumindest was die allgemeine Hochschulreife betrifft, weil es Schüler auf ein sehr strukturiertes Arbeiten vorbereitet. Das hilft in anderen Fächern.“

Promi-Sportler Sic transit gloria mundi (so vergeht der Ruhm der Welt): Und wo sind sie nun, die Lateingegner? In Siegen werden wir fündig. Paul Behrensmeyer hat unter anderem ev. Theologie studiert. Dafür musste er Latein und Griechisch büffeln. Heute ist der 63-Jährige Direktor des Peter-Paul-Rubens-Gymnasiums.

Hier gibt es eine klare Zweidrittelmehrheit für Französisch. „Die Alternative zu Latein ist Spanisch. Das ist eine Weltsprache. Und die Sprache der Wissenschaften ist heute Englisch. Je besser ich Englisch kann, desto besser komme ich in der Welt zurecht.“ Woran mag es dennoch liegen, dass Latein auch nach 2000 Jahren noch in vieler Munde ist. Gerlis Görg hat eine Theorie: „Der Erfolg eines Faches hängt immer von der Qualität der Lehrer ab.“

So sieht es an den Hochschulen aus

Angehende Mediziner und Juristen brachen kein Latein mehr. Doch jede Hochschule kann selbst entscheiden, ob sie das Latinum für bestimmte Fächer voraussetzt. Daher gibt es erhebliche Unterschiede auch zwischen den Bundesländern. Das NRW-Schulministerium möchte einen Gesetzentwurf durchbringen, nach dem Lateinkenntnisse für Lehramtsstudenten in modernen Fremdsprachen nicht mehr erforderlich sind. Für Geschichte und Philosophie auf Lehramt soll künftig das kleine Latinum reichen.

Studenten können Latinum an der Uni Siegen nachholen

An der Fernuniversität Hagen ist das Latinum für kein Fach Bedingung. Das gilt für Bachelor-, Master- und Promotionsstudiengänge. An der Universität Siegen ist Latein für neue Studierende derzeit noch verpflichtend für Lehramtsstudiengänge der Schulformen Gymnasien und Gesamtschulen in Englisch, Französisch, Spanisch, Philosophie, Geschichte sowie kath. Religionslehre. Wer das Latinum nicht in der Schule gemacht hat, kann es an der Uni nachholen. Für die Bachelor/Masterstudiengänge History und Philosophie ist Latein seit dem Wintersemester 2011/12 nicht mehr erforderlich.

Studium „Die Universität Siegen wünscht sich eine einheitliche gesetzliche Regelung für ganz NRW. Verwandte Fächer sollten verwandte Anforderungen haben, das würde Studierenden und Hochschulen sehr helfen“, so kommentiert Prorektor Prof. Franz-Josef Klein das derzeit schwer durchschaubare System. Das befürwortet auch Rektor Prof. Holger Burckhart: „Für die Hochschulen sollten allgemeinverbindliche Mindest-Standards vorliegen.“

Ein Argument für die Abschaffung der Lateinpflicht im NRW-Lehrerausbildungsgesetz ist die Einführung neuer Qualifikationen. So sollen Lehramtsstudenten mit Blick auf die Inklusion künftig zum Beispiel ein Modul Sonderpädagogik absolvieren. Rektor Burckhart: „Das Latinum ist fruchtbringend und anregend für Sprach-, Kultur- und Geisteswissenschaften, es ist wertvoll für das Hintergrundwissen und die Allgemeinbildung. Es darf jedoch nicht auf Kosten von pädagogischer Bildung gehen, die heute verstärkt gefordert ist.“

Latinum als als Steuerungs-Instrument eingesetzt

Die Universitäten setzen das Latinum aber auch als Steuerungs-Instrument ein. Gerlis Görg, Direktorin des Olper St. Franziskus-Gymnasiums: „In den vergangenen Jahren ist es immer so gewesen, dass plötzlich das Latinum als Zugangsvoraussetzung wieder reingeschoben wurde, wenn es an den Universitäten in bestimmten Fächern eine zu große Nachfrage gab.“