Schmallenberg-Virus grassiert in Niederlanden
06.01.2012 | 19:01 Uhr 2012-01-06T19:01:00+0100
Schmallenberg.Totgeborene Kälber, missgebildete Ziegen und nicht überlebensfähige Lämmer mit Schiefhals, Wasserkopf und versteiften Gelenken. Das sind die grausamen Auswirkungen in 49 Rinderbetrieben sowie in 75 Schaf- und zwei Ziegenhaltungen, die in den Niederlanden vermutlich mit dem Schmallenberg-Virus befallen sind.
Fakten, die nicht bestritten werden können. Fakten, die Bernhard Halbe aber auf die Palme bringen. Denn der verärgerte 53-jährige CDU-Politiker ist Bürgermeister von Schmallenberg, der „schönen Stadt im Sauerland“, in der viele holländische Touristen gerade im Winter bei einer „gesunden Entschleunigung“ eine „ausgelassene Heiterkeit erleben“ möchten. „Wir haben einen Beschwerdebrief an das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) geschickt und darum gebeten, das Virus, das diese Schädigungen bei den Tieren verursacht, bitte nicht Schmallenberg-Virus zu nennen“, so Halbe, „wir empfinden diese Benennung als mindestens unsensibel, wenn nicht sogar als Angriff auf unsere Stadt.“
Wie unsere Zeitung berichtete, verzeichneten im November 2011 einige landwirtschaftliche Betriebe in Nordrhein-Westfalen, Süddeutschland und Mecklenburg-Vorpommern bei ihren Kühen laut Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (FLI) „bis zu 40 Grad Fieber, ein reduziertes Allgemeinbefinden, Appetitlosigkeit sowie starken Milchrückgang“. Nach einigen Tagen klangen die Symptome bei den erwachsenen Tieren wieder ab. Danach zeigten sich bei neugeborenen Kälbern aber vermehrt Missbildungen.
Das FLI war alarmiert und suchte nach den Ursachen für die Erkrankungen des Milchviehs. Am 18. November 2011 wurden die Wissenschaftler bei drei Blutproben aus einem Schmallenberger Betrieb fündig. Sie konnten ein Virus verifizieren, das dem Erreger sehr ähnelt, der die Blauzungenkrankheit hervorruft und der durch Stechmücken und Gnitzen übertragen wird. Weil dieses neue Virus noch keinen Namen hatte, so das FLI, „wurde es aufgrund der Probenherkunft vorläufig als Schmallenberg-Virus bezeichnet.“
Sauerländer Bürgermeister kämpft um Umbenennung des Krankheitserregers
„Das ist eine bewusste Namensgebung durch die Wissenschafter, um für ihr Institutes mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu bekommen“, beschwert sich Bürgermeister Bernhard Halbe, „hätten sie das Virus XY375Z genannt, würde sich kein Mensch dafür interessieren.“
Darum bat das Stadtoberhaupt das Loeffler-Institut „eindringlich, die Bezeichnung Schmallenberg für das Virus nicht weiterzuführen“. Denn auch Touristen, auf die das Sauerland ja dringend angewiesen sei, neigten wie jeder Mensch dazu, die Erscheinungen aus der Tierwelt „ungefiltert auf den humanmedizinischen Bereich zu übertragen“. Wenn das Schmallenberg-Virus in den Niederlanden eine negative Grundstimmung hervorrufe und mit dem Sauerland verbunden würde, könne das auch zu einem Rückgang der holländischen Wintergäste in der Strumpfstadt an der Lenne führen.
Argumente, die die Forscher nicht beeindruckten. Sie zeigten sich beratungsresistent. Sie ließen den Bürgermeister wissen, dass es „wissenschaftliche Praxis sei, Viren nach ihrer Herkunft oder nach ihren Fundorten zu benennen“. „Eine merkwürdige Gepflogenheit“, meint Bernhard Halbe, „ich habe dieses hohe Regelwerk trotz intensiver Suche noch nicht gefunden.“
Weil es aber keine juristische Möglichkeit gibt, gegen die Bezeichnung „Schmallenberg-Virus“ vorzugehen, baut Bernhard Halbe jetzt darauf, „dass es wirklich nur eine vorläufige Benennung ist“. Und im übrigen ist er zuversichtlich, dass die enge Verbundenheit der Niederländer mit Schmallenberg weiter bestehen bleibt. Denn immerhin haben die Partnerstädte Soest und Baarn aus der Region Eemland (bei Utrecht) im Schmallenberger Kurpark eine holländische Rotulme gepflanzt. Und die lasse sich von dem Virus nicht beeindrucken.
21:15
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.