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Positive Zwischenbilanz der Bayreuther Festspiele

30.07.2012 | 16:12 Uhr
Im ersten Jahr waren die Ratten im „Lohengrin“ heiß umstritten. Inzwischen ist die Inszenierung zum Publikumsmagneten geworden. Foto: Enrico Nawrath

Bayreuth.  Die aktuellen Bayreuther Inszenierungen sind besser als ihr Ruf - und die Sänger garantieren musikalische Glückserlebnisse. Die Premierenwoche der Festspiele war sensationell war - mit erstklassigen, aufregenden Sängern, mit Orchesterklängen, die restlos glücklich machen.

So leidenschaftlich, wie Parsifal den heiligen Gral sucht, ersehnen die Wagnerianer den Bayreuther Ideal-Regisseur. Den Erlöser, der nie gesehene Interpretationen für Richard Wagners Opern findet, die gleichwohl weder bieder noch provokant sind. In diesem aussichtslosen Zielkonflikt gefangen, übersieht man leicht, dass die Premierenwoche der Festspiele sensationell war - mit erstklassigen, aufregenden Sängern, mit Orchesterklängen, die restlos glücklich machen und mit Inszenierungen, an denen in der Regel nur der Ruf schlimm ist, der ihnen vorauseilt.

Meinungsschlacht

Der „Tannhäuser“ von Sebastian Baumgarten ist ein gutes Beispiel dafür. Im zweiten Jahr geht es der Produktion so wie früher Katharina Wagners „Meistersingern“: Die Kritik verreißt sie, große Teile des Publikums aber können sich gut mit der Maschinenbühne von Joep van Lieshout anfreunden, weil es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt. So geht es den drei Französinnen in der Reihe vor mir. Sie schauen sich den „Tannhäuser“ völlig unbelastet von der deutschen Meinungsschlacht an – und genießen ihn von ganzem Herzen. Fassungslos nehmen die Damen am Ende die Buhrufe zur Kenntnis – und eine fasst nach kurzem Blickkontakt mit den Freundinnen sogar den Mut, laut Bravo zu rufen.

Wagner-Festspiele
Die Festspiele sind in der Bayreuther Provinz genau richtig

Katharina Wagner hat es selbst ins Spiel gebracht, das böse P-Wort.  P wie Provinz. Das ist Bayreuth im Guten wie im Schlechten. Einmal im Jahr allerdings reist, ja pilgert die weite Welt in die beschauliche oberfränkische Regierungshauptstadt.  Das kann nicht ohne Folgen bleiben. Eine Spurensuche.

Irritiert ist man in den ersten beiden Akten allenfalls durch Baumgartens Verfremdungstechniken: Die Sänger müssen ganz distanziert agieren und wirken daher so, als ständen sie neben sich. Dadurch fällt es schwer, die Motivation der Figuren nachzuvollziehen. Baumgarten zeigt eine geschlossene Gesellschaft, in der die Triebabfuhr durch den Alkoholator geregelt wird und die auch optisch den Deckel fest auf dem Untergrund der Venusberg-Welt hält. Erst im dritten Akt dürfen die Protagonisten mit ihren Emotionen eins werden, dann gewinnt die Inszenierung plötzlich Zauber.

Verschleißpartie

Torsten Kerl, gebürtiger Gelsenkirchener, ist der neue Tannhäuser in Bayreuth, ein unglaublich guter Tenor, der diese wegen der durchweg hohen Lage als Verschleißpartie gefürchtete Rolle mit ebensoviel Bravour wie Leidenschaft singt. Michelle Breedt ist als schwangere Venus mehr der Mutti-Typ als die große Verführerin. Camilla Nylund muss als Elisabeth Selbstmord in der Biogasanlage begehen, und das tut sie mit wunderbar dramatischem Sopran-Glühen.

Von bestimmten Teilen des Publikums regelrecht gehasst wird der „Lohengrin“ in der Inszenierung von Hans Neuenfels mit dem großartigen Bühnenbild von Reinhard von der Thannen. Das Rattenrennen um die Macht im Lande Brabant nehmen einige Besucher geradezu persönlich, vielleicht, weil Neuenfels sehr klug zeigt, dass brave Bürger im Inneren Ratten sein können, die nur darauf warten, einem Führer hinterherzulaufen.

Mit Klaus Florian Vogt in der Titelrolle und Annette Dasch als Elsa verfügt Bayreuth über eine sensationelle Besetzung, hier wird auf Weltklasse-Niveau gesungen. Die „Lohengrin“-Ratten wurden im ersten Jahr fast durchweg abgelehnt; inzwischen sind sie zum Publikums-Magneten auf dem Grünen Hügel avanciert, und am Ende entbrennt ein regelrechter Krieg im Saal, weil sich die Mehrheit dieses große Opern-Erlebnis nicht kaputtschreien lassen will.

Merkel auf Socken in Bayreuth

Da hat der „Parsifal“ von Stefan Herheim es leichter, weil er mit überbordender historisierender Bilderflut zwar eine komplexe und durchaus kontroverse Geschichte erzählt, die aber von der Optik her keinem wehtut. Christoph Marthalers „Tristan“ läuft jetzt in der letzten Spielzeit und bleibt als intimes Kammerspiel über die Unmöglichkeit wahrer Liebe eine Interpretation, die viele für genial halten, die anderen aber zu statisch ist.

Christian Thielemann zeigt nach dem „Holländer“ auch mit dem „Tannhäuser“, dass er derzeit sicherlich der Dirigent ist, der das interessanteste Gespür für das richtige Tempo bei Wagner hat. Sein „Tannhäuser“ ist überwältigend detailgenau und entlädt sich dennoch in großen Gesten. Thielemann schafft es, das riesige Festspielorchester ganz leise spielen zu lassen, so leise, dass die Zuhörer Gänsehaut kriegen – das ist Klangmagie von reinster Seligkeit.

Bilderflut

Warum also die Diskussionen? Weil man sich einfach nicht daran gewöhnen will, dass zwei Frauen auf dem Grünen Hügel das Sagen haben und gerade Katharina Wagner vorwirft, die falsche Ästhetik zu wählen? Dieser Vorwurf trifft aus zwei Gründen nicht: weil die aktuellen Inszenierungen unterschiedlicher nicht sein könnten – und weil es ja nicht so ist, als wäre in der Ära Wolfgang Wagner jede Inszenierung ein Glücksfall gewesen.

Viel eher besteht der Grund für den Unmut darin, dass sich in der Bilderflut der medialen Gesellschaft ein besonderer Erwartungsdruck aufgebaut hat. Von Bayreuth ersehnt man nun das eine, das nie gesehene Bild, das Bild, das alle anderen Bilder erlöst.

Monika Willer



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