Plötzlich WM-Favorit: Der Höhenflug des Severin Freund

Nach verpatzter Vierschanzentournee startete Severin Freund in den vergangenen Wochen richtig durch. So scheint nicht nur eine WM-Medaille möglich.

Willingen.. Severin Freund beugt sich herunter, tief herunter zu der Kamera, die seit einiger Zeit stoisch versucht, jeden seiner Gesichtszüge einzufangen und auf diese riesigen zwei Leinwände im Auslauf der Mühlenkopfschanze zu übertragen. Soweit das überhaupt möglich ist bei einem Skispringer, der auf sein Ergebnis wartet und Helm und Skibrille noch trägt. Doch je näher Freund der Kamera kommt, je mehr ist seine Gemütslage zu erkennen. Er grinst. Er lacht. Er jubelt. Er pustet eine leidenschaftliche Kusshand zu jedem der 12 359 enthusiastisch feiernden Zuschauer.

Das ist das furiose Ende eines Krimis im dichten Schneetreiben zum Abschluss des Weltcups in Willingen. Severin Freund, der vor den traditionell wilden Tagen am Rande des Sauerlandes eine schöpferische Pause einlegte, um seine Fitness zu verbessern und ein paar Rückenproblemchen auszukurieren, meldet sich mit seinem zweiten Weltcup-Sieg in Willingen (nach 2011) und seinem zwölften insgesamt gut drei Wochen vor der Weltmeisterschaft eindrucksvoll auf der Schanze zurück.

Sensationelle Sprünge

Mit sensationellen Sprüngen auf 149,5 Meter und 146,0 Meter gewinnt der 26-Jährige am Sonntag mit 270,3 Punkten hauchdünn vor dem Norweger Rune Velta (145,0/143,0), der lediglich einen Zähler weniger verbucht. Auf Platz drei landet der Tscheche Roman Koudelka (146,0/139,0; 252,4). „Rune hat ganz schön vorgelegt“, sagt Severin Freund irgendwann nach der Siegerehrung erleichtert, stolz und glücklich, „das war ein absolut geiler Wettkampf.“

Einer, in dem Bundestrainer Werner Schuster nach dem ersten Durchgang und dem ersten Sprung seines Stars die Hand vor das Gesicht schlägt und vor Staunen den Kopf schüttelt. Schuster kann kaum glauben, wie Freund anfangs etwas wacklig durch die Luft schwebt, die Landung aber immer weiter und weiter hinauszögert. „Solche Sprünge gehen oft schief“, erklärt der Coach. Diesmal nicht. Und Freund heizt mit seinem sensationellen Auftakt die Atmosphäre in Willingen noch weiter an.

Gefühl wie als Skiflieger

„Es ist kein Geheimnis, dass ich diese Schanze sehr mag“, sagt der Athlet aus Rastbüchl und grinst. Denn der amtierende Weltmeister im Skifliegen fühlt sich ob der Verhältnisse im hessischen Upland fast wie ein Skiflieger. Mit seinem nervenstarken Sprung als letzter Springer der Konkurrenz zum Sieg in Willingen - einem historischen, weil insgesamt 100. eines deutschen Springers übrigens - flößt er zudem der Konkurrenz Respekt ein. Er selbst will daraus aber keine Rückschlüsse ziehen.

„Das ist ein gutes Zeichen, aber kein Garant für andere Dinge“, sagt Freund. Andere Dinge? Damit meint er eine mögliche Medaille bei der WM oder den Sieg im Gesamtweltcup, in dem er in Lauerstellung auf Platz vier liegt. Auch Werner Schuster versucht, aufkommende Euphorie etwas zu dämpfen. „Es sind noch drei Wochen bis zur WM und es kann sich schnell etwas ändern“, sagt der Bundestrainer, „aber: Wir haben mit ihm eine Option, um eine Medaille zu kämpfen.“

Keine Pause

Zwar befeuert der gesamte deutsche Auftritt in Willingen die Träume von Edelmetall, aber Freunds Wochenende übertrumpft alles. Platz drei am Freitagabend, Garant für Rang zwei mit der Mannschaft beim Teamspringen am Samstag – und zum Abschluss der sagenhafte Sieg. Als Triumphator verlässt der Star der DSV-Adler Willingen, um sich für die kommenden Aufgaben „auszuruhen und vorzubereiten“. Eine Pause will er nun gewiss nicht mehr einlegen. „Ich will alles durchspringen“, erklärt Freund angriffslustig. „Das wird sehr, sehr intensiv, aber wir werden auch in Titisee sicher Spaß haben.“

Am liebsten soll schon die nächste Weltcup-Station im Schwarzwald am kommenden Wochenende so enden wie die jetzt in ­Willingen. Mit einem deutschen Sieg, einer Kusshand und riesigem Jubel.

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