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Oper Dortmund zeigt Händels Rinaldo

10.01.2016 | 18:06 Uhr
Oper Dortmund zeigt Händels Rinaldo
Eleonore MarguerreFoto: thomas m. jauk

Dortmund.  Die Dortmunder Oper bringt in Händels „Rinaldo“ fröhlich kulturelle Klischees auf die Bühne. Deshalb darf in dem Barock-Spektakel auch die bezaubernde Jeannie mitspielen

Kreuzritter und Gotteskrieger suchen auf neutralem Boden eine Auszeit vom Kampf: in einer Hotellobby, auf einem Flughafen. Man kann Georg Friedrich Händels Oper „Rinaldo“ ganz aktuell als Zusammenprall von Christentum und muslimischer Welt deuten. Doch Dortmunds Intendant Jens-Daniel Herzog erzählt die Geschichte lieber augenzwinkernd als Märchen über kulturelle Klischees auf beiden Seiten. Das Publikum im Dortmunder Opernhaus feiert bei der Premiere ein sehr gut gearbeitetes Barock-Spektakel und ein fantastisches Sängerensemble mit Beifall im Stehen.

Zauber-Theater

Händel schrieb „Rinaldo“ 1711 als seine erste Oper für London. Vorlage der Handlung ist der erste Kreuzzug unter Gottfried von Bouillon. Das Werk sollte unbedingt ein Erfolg werden, also hat der Komponist sich keinen Theaterdonner geschenkt. Der Konflikt zwischen den Religionen war ihm dabei egal; er nutzte den Schauplatz, um möglichst viele exotische Farben ins Spiel bringen zu können. Ganz nebenbei hat Händel so die Gattung Zauber-Theater mitbegründet. Dass der Held Rinaldo historisch gesehen der Dortmunder Stadtpatron Reinoldus ist, mag Jens-Daniel Herzog zusätzlich gereizt haben, den Stoff zu inszenieren. Die Produktion war vorher bereits in Zürich und Bonn zu sehen.

Die Bühne könnte nicht gegensätzlicher zur prallen barocken Musik stehen. Christian Schmidt hat einen gigantischen drehbaren Raum entworfen, der mit fiesen beigen Wandkacheln, Sitzbänken und Gummibäumen Transitzonen des modernen Unbehaustseins beschwört. Eine monströse Rolltreppe wird zum Symbol weniger für das Reisen als vielmehr für das Nicht-Ankommen.

In diesem Ambiente fechten moderne Kreuzritter ihre Schlachten im Anzug und mit Aktenkoffern aus. Daher ist die Gegenseite viel interessanter. Denn die „heidnische“ Zauberin Armida hat bezaubernde Jeannies und männermordende Lolita-Furien in ihrem Mitarbeiterstab. Der kampfesmüde Rinaldo und seine versprochene Braut Almirena müssen erfahren, dass auch Erotik als Waffe eingesetzt werden kann.

Herzog choreographiert dieses Epos auf den Takt genau zu teils sehr witzigen Bildern. Dabei hilft ihm der Bewegungschor. Wenn im Orchester der Sturm braust, illustrieren die Tänzer mit einem grandiosen Slapstick, wie der Wind sie von den Füßen reißt. Überhaupt ist die Kommunikation zwischen Bühne und Graben intensiv. Die drei Blockflöten zwitschern so lieblich wie lebendige Vögel, und die Trompeten wetteifern mit den Sängern, wer die halsbrecherischsten Kunststücke draufhat.

Nicht nur deshalb ist dieser „Rinaldo“ ein großer Abend der Dortmunder Philharmoniker. Unter der Leitung von Motonori Kobayashi lassen die Musiker auf dem hochgefahrenen Graben ein virtuoses barockes Klang-Feuerwerk steigen mit immer wieder faszinierenden ungewöhnlichen Farb-Kombinationen.

Koloratur-Feuerwerk

Das großartige Ensemble wirft sich mit Schwung in die Arien, die von sanfter Melancholie bis zur wilden Raserei die ganze Klaviatur der barocken Affekte durchexerzieren. Ileana Mateescu ist als Rinaldo ein echter Händel-Held. Die Arien schrieb der Komponist für den Kastraten Nicolini, der die Uraufführung zum Erfolg machte. Folglich darf der „Rinaldo alle Register seines stimmlichen Könnens ziehen, und das gelingt der Mezzosopranistin mit müheloser Eleganz. Der österreichische Countertenor Jakob Huppmann ist als Eustazio ein gruseliger Strippenzieher. Sopranistin Tamara Weimerich hat am Anfang Probleme mit den Hochtonakzenten und mausert sich dann zu einer Braut mit blitzsauberem Sopran, deren Arie „Lascia ch‘io pianga“ das Herz noch des wildesten Feindes betört.

Die Christen gewinnen die Schlacht, doch Sieger der Herzen sind die Sarazenen. Gerardo Garciacano singt und spielt den König Argante mit verführerischem Bariton als sympathischen Tollpatsch. Dabei zählen auch die kleinen Nuancen, etwa wenn Garciacano seine Koloraturen unmerklich in orientalische Melismen verwandelt. Und die wunderbare Eleonore Marguerre braucht als Armida keine Zaubertricks, um Männer zum Hecheln zu bringen – dafür reicht allein ihre sensationelle, völlig unangestrengte Sopranstimme.

Karten und Termine: www.theaterdo.de

Monika Willer

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2016-01-10 18:06
Sauer und Siegerland