Olympia im Selbstversuch - Alles andere als Holiday on Ice

Wer hinfällt, muss auch wieder aufstehen: Redakteur Daniel Berg in der Eissporthalle in Iserlohn.
Wer hinfällt, muss auch wieder aufstehen: Redakteur Daniel Berg in der Eissporthalle in Iserlohn.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Man darf stürzen, aber man muss wieder aufstehen: Diese Lebensweisheit bewahrheitet sich für besonders beim Eishockey - wie unser Redakteur Daniel Berg auf leidvolle Weise erfahren musste. In der Serie „Wir für Sotschi“ testen wir olympische Sportarten aus. Erstes Bully für den Praxistest.

Iserlohn.. Der Mann vom Schlittschuhverleih lächelt. Unklar ist, was dieses Lächeln zu bedeuten hat. „Ach, Sie haben noch nie Eishockey gespielt?“ Pause. Er schiebt Schlittschuhe in Größe 45 über die Ladentheke. „Na dann, viel Spaß. Und kommen Sie gesund wieder.“ Was denn? Nicht sicher, dieses Eishockey? Sicher nicht. Die Iserlohner Hobbytruppe in Kabine 2 der Halle am Seilersee macht das freiwillig. Woche für Woche. Die Jungs scheinen fröhlich zu sein, nicht lebensmüde.

Hüfte geprellt, Rippe gebrochen

Sie plaudern. Es geht um Mitspieler. X kommt nicht zum Training, sagt der eine, der hat eine Hüftprellung. Y kommt auch nicht, sagt ein anderer, der hat zwei Rippen gebrochen. Derweil reicht ein Arm eine Tasche an. Lange Narben verlaufen auf diesem Arm. Trainingsunfall in Unna, komplizierter Bruch. „Aber acht Wochen später stand ich wieder auf dem Eis“, sagt der, dem der Arm gehört. Das ist als sähe man sich zur Einstimmung auf den Zusammenbau eines Billy-Regals ein Video von den verheerendsten Heimwerker-Unfällen an. Das ist ... nicht hilfreich vor einem Selbstversuch dieser Art.

Ein schöner, kurzer Moment

Beinschutz, gepolsterte Hose, Oberkörperschutz, Ellbogenschoner, Handschuhe, Helm – allein das Anziehen dauert ewig und ist schweißtreibend. Die Ausrüstung beschwert den Körper. Aber der Blick in den Spiegel verrät: Da steht ein richtiger Eishockeyspieler. Diesen Moment gilt es still zu genießen, er könnte schnell vorbei sein. Sehr, sehr schnell.

Natürlich, klar, Schlittschuhfahren ist kein Problem. Das war die Antwort an jeden, der vorher gefragt hatte. Aber es wird klar, dass Welten liegen zwischen Schlittschuhfahren und Schlittschuhfahren. Für einen, der das zuletzt in seiner – viel zu lang schon zurückliegenden – Jugend als relativ sorgloses Dahinschlendern betrieben hat, ist das Ende der Fertigkeiten schnell abzusehen.

Bremsen ist blöd

Fahren geht gerade noch, nur bremsen ist halt blöd. Ein klassisches Problem des Eis-Amateurs. Jede Bremsung verursacht in der unmittelbaren Umgebung besorgte Gesichter. Schließlich ist da ja noch der Schläger, der während der Ausübung verschiedener, in keinem Lehrbuch zu findenden Techniken in alle Himmelsrichtungen unkontrolliert ausschlägt, ehe die Kufen tatsächlich zum Stillstand kommen.

Zwei, drei Runden Warmfahren, ein bisschen Dehnen, dann schon die erste Übung. Pass, Pass, Pass, Torabschluss. Dazwischen Schlittschuhschlendern.

Und danach drei Erkenntnisse.

Erstens: Schwer glatt hier.

Zweitens: Eishockey ist unfassbar anstrengend.

Drittens: Die Füße fühlen sich an, als hätte sie jemand in ein Paar Schraubstöcke gezwängt. Und es ist ernstlich zu fürchten, dass der Laufstil auf Zuschauer einen nicht gerade vollkommen anderen Eindruck macht.

Die Übungen werden von Mal zu Mal komplizierter. Mehr Pässe, weitere Laufwege. Der Trainer erklärt alles kurz an der Bande. „Zwei Stürmer auf Position, ein Verteidiger an die blaue Linie, Aufbaupass, einer an den Slot - und dann immer im Kreis.“

Oder so ähnlich. Wenn es der Eishockey-Debütant verstanden hätte, hätte er nicht so orientierungslos über das Eis juckeln müssen. Aber es ist ja auch klar: In die engen Manschetten eines geplanten Angriffs gezwängt, kann ein wahrer Eishockey-Freigeist natürlich nicht glänzen. Er braucht das Grenzenlose des offenen Spiels. Er braucht Raum zur Entfaltung – und zum Schlittschuhlaufen natürlich.

Ganz erstaunliche Wege kommen zustande, wenn das Gehirn im Eifer des rasenden Gefechts Pläne an Extremitäten versendet, die in der Umsetzung überschaubar geschickt sind. Die Spielsituation, der glatte Belag, die Geschwindigkeit von Puck und Gegenspieler führen zu einer nicht erwarteten Überforderung.

Etwas Nettes sagen

Kurze Pause. Der Trainer lobt mein Spielverständnis. Es klingt, als wolle er einfach etwas Nettes sagen.

Irgendwann endet die Einheit. Bilanz des Praxistests: drei ungelenke Stürze, eine ungewollte Pirouette beim Zug zum Tor und Schmerzen im kleinen Finger. Unaushaltbar sind die eigentlich. Acht Wochen Zwangspause. Mindestens. Ich bin sicher: Ich höre meine Mitspieler leise schluchzen.