„Niemand bleibt da unbeteiligt“

Eins der Bestattungsfahrzeuge aus dem Sauerland vom Bestatter Mertens aus Meschede  beim Trauerzug.
Eins der Bestattungsfahrzeuge aus dem Sauerland vom Bestatter Mertens aus Meschede beim Trauerzug.
Foto: Oliver Eickhoff
Was wir bereits wissen
Bestattungsunternehmen aus Meschede stellt zwei Leichenwagen für den Trauerzug nach Haltern. Ein Fahrer spricht über seine Gefühle

Meschede/Haltern/Bad Wörishofen..  Weiße Rosen fallen auf die Motorhauben. Menschen halten sich an den Händen. Kerzen flackern am Straßenrand. Als die Kolonne aus weißen Leichenwagen in Haltern vorfährt, ist es, als würde die Zeit still stehen. Zwei der aus ganz Deutschland zusammengezogenen weißen Bestattungswagen kommen aus dem Sauerland.

In einem der 16 Fahrzeuge sitzt Alexander Hackspiel aus Bad Wörishofen. Der 48-jährige Bestatter wird diesen Tag nie vergessen. An sechster Position fährt der Allgäuer im Kondukt. „Mit den Toten ist es kein Konvoi, sondern ein Kondukt“, erklärt er. Es sind 80 Kilometer, die hinter dem Trauerzug liegen, der in Düsseldorf aufgebrochen war, um die Opfer des Germanwings-Fluges – 16 Schüler und zwei Lehrerinnen — nach Hause zu bringen.

Bewegende Szenen

Kein Auto überholt die weiße Flotte, kein Autofahrer reagiert ungehalten über die langsame Fahrt (50 km/h) auf der Autobahn. Eine Fahrt, die Alexander Hackspiel bis heute berührt: „Es war emotional sehr bewegend. Eine Situation, die in ihrer Tragweite unerreichbar bleibt und ihresgleichen sucht.“

Dem Hersteller der weißen Leichenwagen, Kuhlmann Cars aus Heiden, Kreis Borken, war es in enger Absprache mit dem Halterner Bestattungshaus Birgit Mertens gelungen, Fahrzeuge dieser Bauart in der benötigten Menge, mit oder ohne Fahrer, zu organisieren. All dies geschieht unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Mertens´ Neffe, Fritz Mertens aus Meschede, stellt zwei Fahrzeuge zur Verfügung. Selbst fährt der Sauerländer nicht. „Wir haben gerne geholfen, aber zwei Fahrer konnten wir nicht stellen.“ Und auch Hackspiel sagt zu: „Für mich war das keine Frage.“ Der Termin verschiebt sich mehrmals, weil die Übersetzung der Sterbeurkunden fehlerhaft ist. Das erleichtert die Organisation nicht.

Doch Hackspiel hält sein Versprechen. Er fährt. „Die Einfahrt in den Ort Haltern war selbst für einen Bestatter, der immer auf der anderen Seite sitzt, mehr als ein ergreifender Moment.“ Seine Stimme stockt. „Sie merken, wenn ich darüber spreche, übermannt es mich.“ Der Blick in die Gesichter, die weißen Rosen, die auf der Haube landen, die Menschen, die „stumm bis ganz stumm“ am Straßenrand ihre Anteilnahme bekunden: „Ich war froh, dass ich gesessen habe, als auch meine Knie weich wurden. Jeder kennt dieses Gefühl, wenn es einen überwältigt. Besonders vor der Schule war es ganz hart. Manchmal fehlen auch mir die Worte.“

Ereignis für die Ewigkeit

Für den Vater zweier Töchter und einem Sohn wirkt das Ereignis nach. „Wen so etwas nicht verändert, der ist kein Mensch. Niemand kann da unbeteiligt bleiben. Das geht durch und durch.“

Selbst mit einer gewissen Vorprägung als Sohn eines Bestatters, dem der Tod nicht fremd sei, seien bei ihm selbst Reaktionen ausgelöst worden, „die ich sonst nur von Trauernden kenne“.

Dass die Eltern weiße Wagen für ihre Liebsten gewählt haben, begrüßt Hackspiel. „Es ist aus meiner Sicht ein Zeichen dafür, dass sie den Tod nicht hinnehmen, sondern sich mit ihm auseinandersetzen.“

Weiß stehe für Ruhe, für Licht, für Reinheit. „Dies werden die Angehörigen beim Abschied von ihren Liebsten mitnehmen. Das Mitgefühl vieler fremder Menschen hilft ihnen dabei.“

Die Farbe Weiß, das glaubt Hackspiel, werde sich in Zukunft in das Bild der Trauerbegleitung einfügen: „In Bayern zählen wir noch zu den wenigen Bestattern, die weiße Wagen haben.“