Nicht nur Schüler machen Fehler

Hagen..  Verrechnet haben sich im Abitur schon frühere Generationen von Gymnasiasten – und auch Lehrern. Zentralprüfung 1988. Eine andere Stadt, ein anderes Bundesland. Mathematik ist Pflicht. Entweder schriftlich oder mündlich. Die wortkarge Schülerin wählt die mündliche Prüfung, in der Hoffnung, in Mathe nicht ausschweifend reden zu müssen. Der Plan geht auf, leider: Berechnet werden soll an der Tafel ein e-Funktion – ausgerechnet darauf hatte sich die Abiturientin nicht vorbereitet. Sagen musste sie also gar nichts.

Eine Generation später ist das Zentralabitur auch in Nordrhein-Westfalen angekommen – ebenso das Mathe-Problem. Wobei sich die Schüler heutzutage vermutlich besser vorbereitet haben, aber nicht immer diejenigen, die die Prüfungen stellen. Denn vor allem in Mathe hat es in den vergangenen Jahren im Zentralabitur Pannen gegeben. Weitgehend problemlos verlaufen ist allein das vergangene Jahr 2014. Gleich im ersten Durchlauf 2007 zum Beispiel in Deutsch ein falsch zitiertes Barock-Gedicht. In Biologie Stickstoff und Phosphor vertauscht, ebenso wie die Mengenangaben Mikrogramm und Milligramm.

2008 dann in Mathematik der „Oktaeder des Grauens“ – eine ungewöhnlich schwere Geometrie-Aufgabe, an der in manchen Leistungskursen mehr als 50 Prozent der Schüler scheiterten. Und diejenigen, die sich in die Stochastik retten und ausrechnen wollte, mit welcher Wahrscheinlichkeit Basketballer Dirk Nowitzki bei zehn Versuchen einen Freiwurf im Korb versenkt, hatten es auch nicht besser: Die Aufgabe war unvollständig.

Zweite Chance für einige Schüler

Doch auch in anderen Fächern lief es 2008 nicht gut: ein verrutschtes Komma in einer Erdkunde-Klausur zum Beispiel. Ein Wortfehler in der Pädagogik-Aufgabe. Und viel zu viel Lesestoff in Biologie.

Seitdem werden die Aufgaben in NRW gründlich geprüft. Eineinhalb Jahre dauert dieses Verfahren erläutert Barbara Löcherbach, Sprecherin des Schulministeriums. Lehrer reichen Vorschläge ein. Die werden von einer Aufgabenkommission aus erfahrenen Fachlehrern geprüft, diskutiert, dann durchgerechnet „aus Schülersicht“. In einer nächsten Instanz werden die Aufgaben auf Kompatibilität mit den Lehrplänen und den Abiturvorgaben für den jeweiligen Jahrgang abgeglichen. Dann noch die Prüfung durch Fachwissenschaftler und Fachdidaktiker an den Hochschulen. Und schließlich ein externer Praxischeck: Fachlehrer bearbeiten die Klausuren aus Schülersicht. Und zum Schluss Formatierung, Korrektorat und Endlektorat der Tippfehler.

Und dennoch: Im Jahr 2010 verwirrende Formulierungen in der Stochastik-Aufgabe. „An der Grenze zur Unverständlichkeit“, so damals ein Mathematikprofessor der Uni Wuppertal. 2011 dann nicht nur Fehler in den Aufgaben für Deutsch, Spanisch und Informatik. Sondern auch zwei unpräzise Aufgaben im Mathematik-Grundkurs: Die Schüler bekamen ein zweite Chance.

2013, ausgerechnet im Jahr des viel beachteten Doppeljahrgangs, protestierten Hunderte von Schülern vor dem Düsseldorfer Landtag gegen eine ihrer Meinung unlösbare Aufgabe im Grundkurs Mathe. Doch diesmal blieb die Ministerin unerbittlich.

Lehrer scheiterte einst selbst

Gerade in der Mathematik habe es in den vergangenen Jahren ein wenig an der Sensibilität für den angemessenen Umfang und die Schwierigkeit gefehlt, so Peter Silbernagel. Mittlerweile aber habe sich einiges getan, auch 2015 sei bisher pannenfrei verlaufen, so der Vorsitzende des Philologenverbandes NRW weiter.

1971, als er Abiturklausuren schrieb, da scheiterte Silbernagel, heute Mathematiklehrer, in diesem Fach an einer Extremwertaufgabe – wie im Übrigen seine gesamte Klasse.