Nach Abstieg: Umbruch bei den Sportfreunden Siegen

Bei der Mitgliederversammlung im November 2014 hoffte Trainer Michael Boris noch auf den Klassenerhalt.
Bei der Mitgliederversammlung im November 2014 hoffte Trainer Michael Boris noch auf den Klassenerhalt.
Foto: Rene Traut René Traut
Was wir bereits wissen
Seit der vergangenen Woche steht der Fußball-Regionalligist defintiv als Abstieger fest. Der einstige Zweitligist findet sich in den Niederungen wieder. Und derzeit ist noch offen, in welche Richtung es gehen wird. Trainer Michael Boris bleibt zwar, doch nur sechs Spieler besitzen einen Vertrag für die kommenden Saison. Nicht die einzige ungeklärte Frage.

Siegen..  Ulrich Steiner ist gestern Abend auf dem Weg zur Vorstandssitzung. Dort wird die Zukunft erörtert, die Zukunft der Sportfreunde Siegen. Sie sieht nicht gut aus. Am Samstag findet das letzte Saisonspiel statt, Alemannia Aachen kommt ins Leimbachstadion. Es ist ein traditionsreiches Stadion eines traditionsreichen Fußball-Standorts, vor zehn Jahren spielten die Sportfreunde noch in der zweiten Liga. Und nun? Ist der Abstieg aus der Regionalliga in die Oberliga bereits besiegelt. Fünftklassigkeit. Die Fragen türmen sich in diesen Tagen geradezu auf.

Wie geht es weiter?

Die drängendste: Wie geht es weiter? Die Antwort: So genau kann das derzeit niemand sagen.

Ulrich Steiner (63) ist Vorsitzender des Vereins. Auf der Außerordentlichen Mitgliederversammlung in der kommenden Woche wird er auf eigenen Wunsch aus seinem Amt ausscheiden. Die Nachfolge steht in den Sternen. Die Spielbetriebs-GmbH, dessen Geschäftsführer Steiner ist, wird vorerst ruhend gestellt.

Mit Daniel Schäfer gibt es einen Team-Manager, der für die Kaderplanung mitverantwortlich ist. Doch am 30. Juni wird er seinen Schreibtisch räumen: sein Vertrag wird nicht verlängert, seine Stelle wohl nicht neu besetzt. Noch aber ist er im Amt und sagt: „Es wird einen erneuten Umbruch geben. Große Teile der Mannschaft wollen oder können wir nicht halten.“

Was erstmal nachvollziehbar klingt, wird schnell Besorgnis erregend. Einige Leistungsträger haben ihren Abschied aus dem Siegerland bereits angekündigt, nur sechs Spieler haben nach derzeitigem Stand einen gültigen Vertrag für die kommende Saison in der Oberliga. Noch steht Siegen ohne Mannschaft da.

Den Trainer nervt das. Aber immerhin: er bleibt. Michael Boris ist zwar ein ambitionierter Fußball-Lehrer, aber er wusste, auf was er sich einließ, als er im vergangenen November erneut in Siegen zusagte. „Es war klar, dass passieren könnte, was nun passiert ist“, sagt er, „daher bin ich jetzt nicht so erschrocken.“

Er meint den Abstieg des Vereins, den er selbst vor ein paar Jahren wieder in die richtige Spur geführt zu haben schien. Nach der Insolvenz und dem Zwangsabstieg in die damalige NRW-Liga hievte er den Klub 2012 zurück in Liga vier. Die wirtschaftliche Konsolidierung und sportliche Entwicklung schritten voran. Doch mit Beginn des vergangenen Jahres zog sich Mäzen Manfred Utsch, der seine Millionen mit Autokennzeichen verdiente, zurück. Das Geld ging, Boris ging, der Erfolg verabschiedete sich. „Wir befinden uns gerade im Übergang vom Mäzenatentum zu einer breit aufgestellten Sponsoren-Landschaft. Wir haben immer gesagt, dass es in diesen zwei, drei, vier Jahren des Übergangs zu sportlich schwierigen Situationen kommen kann“, sagt Daniel Schäfer, der Noch-Team-Manager. Auch Rückkehrer Boris (Vertrag bis 2017) hat mit Rückschlägen gerechnet. Aber die jetzige Phase sei für ihn „zermürbend“. Noch immer hat er vom Vorstand keine genaue Zahl über den Etat. Nur eines steht fest: Er wird mal wieder schrumpfen.

Zwei Wochen Urlaub

Am liebsten hätte Boris die Zahl schon im Januar oder Februar gehabt, „spätestens aber im März oder April, um junge hungrige Spieler frühzeitig und kostengünstig für uns zu gewinnen“. Nun ist es Mitte Mai. Noch immer hat sich nichts getan, ab Montag hat Boris zwei Wochen Urlaub. Die sollen nicht auch noch draufgehen.

Boris versteht den Vorstand, so ist das nicht. Der will nicht erneut mit einer Unterdeckung in die Saison gehen, will nicht gegen Ende der Saison Lücken schließen müssen wie in diesem Jahr. Es war schwierig genug, die 300 000 Euro zusammen zu bekommen. In den Jahren davor war es das nicht. Da sprang Utsch ein. So wie heute andernorts die Mäzene, die das Siegener Dilemma noch schlimmer wirken lassen, weil die Winzlinge aus der Nachbarschaft dem großen Namen den Rang ablaufen. Überall scheinen plötzlich Regionalligisten heranzuwachsen.

30 Kilometer süd-östlich von Siegen steigt jetzt der TSV Steinbach auf. 800 Einwohner, ein Dorf, ein Geldgeber, ein Regionalligist.

30 Kilometer nord-östlich schickt sich der TuS Erndtebrück an aufzusteigen. Ein kleines Städtchen, ein Geldgeber, ein designierter Regionalligist.

Und Siegen? Fast 100 000 Einwohner zählt die Stadt. Ein Ort mit großer Fußballgeschichte. Eine Zukunft, die ungewiss ist.

Bis zum späten Abend dauerte die Vorstandssitzung. „Wir werden wieder nach oben angreifen“, sagt Ulrich Steiner. Er hofft zumindest, dass es so kommt.