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Nach 56 Jahren suchen fünf Geschwister

21.05.2012 | 10:00 Uhr
Nach 56 Jahren suchen fünf Geschwister
Familie Gründges in Kreuztal-Eichen

Kreuztal. Die Fünfer-Bande ist zurück. Die Rückkehr der Gründges an den Ort ihrer Kindheit macht nervös. Eichen zittert. Den älteren Frauen und Männern im Kreuztaler Stadtteil fallen wieder alle Sünden ein. Und – sie gestehen ihre Missetaten von einst. Nach 56 Jahren gibt es ein fröhliches Willkommen.

Wie die Geschichte anfängt? Am Ende des Zweiten Weltkriegs, das Datum steht nicht genau fest, es muss 1944/1945 sein, ziehen Franz und Marianne Gründges von Essen nach Eichen, fliehen vor den Bombenangriffen aus dem Ruhrgebiet. Aus dem Paar wird eine Familie mit zwei Söhnen und drei Schwestern: Marianne, Franz Josef, Annelenne, Margareta und Klemens.

Am vergangenen Wochenende sind die Geschwister auf den Spuren ihrer Vergangenheit in Eichen unterwegs – und zum ersten Mal alle gemeinsam, ohne Anhang, ohne Partner. „Wir wollten ungestört reden, ohne viele Erklärungen. Nur wir Geschwister“, sagt Annelenne. „Schön, dass es geklappt hat.“ Die heute 67-Jährige ist aus München angereist, die anderen sind aus Essen und Traunstein in Oberbayern gekommen.

Als Zugereiste ist es für die junge Familie damals nicht einfach. „Wir waren Katholiken in der Diaspora. Auf dem Weg zur St. Ludger und St.Hedwig Kirche in Krombach sind wir von anderen Kindern mit Steinen beworfen worden. Heute geben sie das alles zu.“ Aus den Anfeindungen von einst sind längst ­Anekdoten geworden.

So schafft es ihre Mutter, eine Genehmigung für eine katholische Zwergschule über dem Kindergarten einzurichten, mit zwei Räumen, einer für die Kinder der Klassen 1 bis 4 und einer für die Klassen 5 bis 8. Die Geschwister strahlen. Sie sind stolz auf ihre Eltern, denen es mit wenig Geld gelingt, den Nachwuchs in der von Not und Elend geprägten Nachkriegszeit durchzubringen. „Hunger hatten wir nie“, sagt Franz-Josef, mit 68 Jahren der älteste Sohn. „Wir mussten mithelfen. Unsere Mutter hat uns mit einer Drei-Liter-Kanne in den Wald geschickt, um Blaubeeren zu sammeln, das war notwendig.“

Mit Schrecken und Verwunderung erinnern sie sich im Rückblick an den Umgang ihrer Mutter mit Pilzen. Klemens, mit 63 Jahren der Jüngste: „Sie hat einen silbernen Löffel dazugelegt. Wenn der schwarz angelaufen ist, hat sie die Finger davon gelassen – und wir haben viele Pilze aus dem Wald gegessen.“ Ein riskantes Verfahren, Giftpilze ausfindig zu machen. Die Gründges-Kinder haben es überlebt – auch ihre Mutter, sie ist vor zwei Jahren im Alter von 96 Jahren gestorben, dreißig Jahre nach ihrem Mann, der 1980 mit 69 Jahre starb.

Unvergessen sind für die Kinder die Wanderungen mit den Eltern. „Sonntags sind wir oft mit ihnen im Wald unterwegs gewesen“, sagt Margareta, heute 65 Jahre alt, und betont: „Ich schreibe mich ohne H.“

Die Geschwister sprudeln vor Geschichten ihrer Kindheit. Franz-Josef schwärmt von seiner ersten Liebe Helma, Klemens wird daran erinnert, dass er immer unter der Schürze der Mutter Schutz gesucht hat, und Marianne war diejenige, die der Mutter tatkräftig geholfen hat. Und immer wieder kreist das Gespräch um den Wald. Natur ohne Ende vor der Haustür. Annelenne: „Wir hatten eine Tarzanschaukel, haben uns Schwerter selbst geschnitzt und waren fast immer draußen. Das sind Dinge, die für immer bleiben.“

Heute mehr als fünf Jahrzehnte später geht es dem Quintett so wie es vielen Menschen geht, wenn sie in die Kindheit eintauchen. „Die Häuser fallen viel kleiner aus, und die Wege sind gefühlt viel kürzer.“ Selbst der Kindelsberg, „früher kam er uns gewaltig vor“, erinnert sich Annelenne, ist mit seinen 618 Metern Höhe im Alter auf normale Größe geschrumpft.

In fünf Wohnungen wohnt die Familie, bis es die Eltern 1956 zurück nach Essen-Borbeck zieht. Mit Liesel Becker im Fachwerkhaus in der Schulstraße 11, „früher war es die Nummer 7“, sagt Franz-Josef, haben die Gründges bis heute ein herzliches Verhältnis. Tante Liesel, wie die Geschwister sie nennen, ist mit ihnen alt geworden. „Sie wird 91.“ Ein gesegnetes Alter.

Die fünf sind dagegen muntere best Ager und silver Surfer. Begriffe, die es vor 56 Jahren gar nicht gab. Egal. Am Ende bleibt allen eine Erkenntnis? „Die Familie ist uns sehr wichtig“, sagt Franz-Josef. Ein neues Treffen soll es geben. Irgendwann. Wo? Natürlich in Eichen.

Joachim Karpa



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