Museumsdirektor: Kunstverkauf soll ein Tabu bleiben

Ausschnitt aus August Mackes „Helle frauen vor Hutladen“, einem der Meisterwerke im Hagener Osthaus-Museum.
Ausschnitt aus August Mackes „Helle frauen vor Hutladen“, einem der Meisterwerke im Hagener Osthaus-Museum.
Foto: WP
Kunstverkauf aus Museen soll ein Tabu bleiben, fordert der Kunsthistoriker Prof. Dr. Rainer Stamm mit Blick auf seine Heimatstadt Hagen. Keine andere Stadt hat eine so tragische Verlustgeschichte von Spitzenwerken.

Hagen.. Kunstverkauf aus öffentlichem Besitz sollte ein Tabu bleiben. Dafür plädiert Prof. Dr. Rainer Stamm, Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg. Der 47jährige Kunsthistoriker führt seine Heimatstadt Hagen als Beispiel für die fatalen Folgen solcher Pläne an. „Es gibt vermutlich keine andere deutsche Stadt mit einer so tragischen Verlustgeschichte von Kunstwerken“, argumentiert er im Interview mit unserer Zeitung.

Warum sind die Kunstverluste in Hagen derart auffällig?

Rainer Stamm: Weil die Geschichte von Kunstverlusten ausgerechnet in dieser Stadt, in der Karl Ernst Osthaus 1902 mit dem Museum Folkwang das weltweit erste Museum für moderne Kunst gegründet hat, eine tragische Kontinuität hat. Die Sammlung Folkwang ging bekanntlich nach Essen, weil Hagen trotz großer Anstrengungen den Preis nicht zahlen konnte, den die Osthaus-Erben forderten. Nicht weniger dramatisch ist die Geschichte des städtischen Christian-Rohlfs-Museums verlaufen, das 1930 als Ausgleich für den Verlust der Folkwang-Sammlung gegründet wurde und als erstes Museum in Deutschland den Namen eines noch lebenden ­Vertreters der Moderne trug.

Aber schon 1933 musste der greise, in Hagen lebende Maler erleben, wie die Namensgebung durch die Nationalsozialisten rückgängig gemacht wurde. Das städtische Museum wurde 1937 im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ geplündert. Mehr als 200 Werke von Rohlfs, Feininger, Kollwitz, Nolde, Schiele und anderen wurden beschlagnahmt. Das geht über das hinaus, was an anderen Orten dieser Größenordnung durch die Nazis passiert ist.

Und nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte keine Ruhe ein?

Stamm: Auch in der Nachkriegzeit wurde die Geschichte der Hagener Kunstverluste aktiv fortgeschrieben. Man kann vielleicht noch verstehen, dass die damalige Museumsdirektorin Edouard Vuillards Gemälde „Herbst vor Paris“ aus dem Hohenhof verkaufte, um von den Einnahmen die Verluste durch die Aktion „Entartete Kunst“ auszugleichen. Das Bild hängt heute im Los Angeles County Museum. Aber der Verkauf von Gerhard Richters „Seestück“ 1998 durch den damaligen Museumsleiter war ein Sündenfall. Und 2011 wollte die Stadt Ferdinand Hodlers Gemälde „Der Auserwählte“ verkaufen, das zu den bedeutendsten Bildern des Künstlers außerhalb der Schweiz gehört und eigens für den Hohenhof geschaffen wurde.

Warum beurteilen Sie den Verlust des Richter-Gemäldes so negativ?

Stamm: Der Verkauf ist in meinen Augen absolut sinn- und folgenlos geblieben. Das Geld ist im Loch des städtischen Haushaltes verschwunden. Und das würde sich bei jedem weiteren öffentlichen Kunstverkauf wiederholen. Ein solches Werk wie den Richter, der in Hagen verloren gegangen ist, kann sich kein öffentliches Museum in Deutschland mehr leisten. So etwas kriegt man nie wieder. Auch dieser Verlust gehört zur Geschichte des Hagener Museumswesens.

Für den Richter hat Hagen seinerzeit 4,3 Millionen DM abzüglich Gebühren erhalten. Es ist doch verständlich, dass bei solchen Summen argumentiert wird: „Dann weg damit“, oder?

Warhol-Werke Und heute erzielen Richter-Bilder auf Auktionen Summen von bis zu 30 Millionen Euro. Natürlich kriegt man weiche Knie bei den Preisentwicklungen des internationalen Kunstmarktes. Aber Kunst hat jenseits dieser Beträge einen Wert, den können Sie nicht in Geld aufwiegen. Kunst ist das positive Gegenteil von Plutonium, sie strahlt über Hunderte von Jahren Energie ab, das wirkt auf viele Generationen.

Warum sollte man Kunst nicht am Verkaufswert messen?

Stamm: Die Marktwirtschaft ist die falsche Messlatte. Finanziell interessant ist nur der Verkauf von Spitzenwerken. Deren potenzieller Marktwert resultiert aber gerade aus ihrer Einzigartigkeit, die wiederum aus der Sammlungsgeschichte ableitbar ist. Und diese Werke wären nicht die begehrten Stücke des Marktes, wenn sie in den Museen entbehrlich wären. Wichtiger ist, dass die Sammlungen der Museen zum Repertoire von Bildungsressourcen gehören, die eine Kommune vorhalten muss wie Theater, Musikschulen, Bibliotheken und Archive.

Ich kann Ihnen heute noch die Wand im Osthaus-Museum zeigen, an der der Richter gehangen hat. Als Schüler habe ich davor gestanden, das hat mich fasziniert, und ich komme nicht aus einem Elternhaus, in dem es Kunstwerke gab. In Deutschland ist der Verkauf von Museumsbesitz ein Tabu, und gegen Verkaufspläne, wie sie ­aktuell auch in Hagen wieder auf den Tisch kommen, muss man sich klar positionieren. Da bin ich unbeirrbar.