„Mit keiner Strafe zu begleichen“

Paderborn/Geseke..  Sie kannten sich seit der Kindheit und gingen durch dick und dünn. Am Abend des 24. Juni 2014 zertrümmerte ein 19 Jahre alter Geseker an einer Feldscheune bei Büren-Brenken seinem besten Freund (17) den Schädel und schnitt ihm Minuten später die Kehle durch. Wie dies juristisch zu werten ist – ob der Angeklagte wegen Mordes oder „nur“ wegen Totschlags verurteilt wird - bereitet der 5. großen Strafkammer des Landgerichts Paderborn Kopfzerbrechen. Nach einem zehnstündigen Verhandlungsmarathon unterrichtete die Vorsitzende Richterin Margret Manthey die Prozessbeteiligten und die Besucher unmittelbar vor der geplanten Urteilsverkündung, dass die Kammer „noch Bedarf an Beratung“ habe. Jetzt soll das Urteil am morgigen Donnerstag verkündet werden.

Kurz vor 19 Uhr wendet sich der Vater des Opfers als Nebenkläger direkt an den jungen Mann auf der Anklagebank: „Dass Du Deinen besten Freund so kaltblütig getötet hast, ist mit keiner Strafe zu begleichen.“ Und er schickt noch hinterher: „Das, was Du uns angetan hast, werden wir noch mit ins Grab nehmen.“

Es ist ein langer Tag im Landgericht Münster, der mit den Worten des Vaters seinen emotionalen Höhepunkt findet. Ein Tag, der um kurz nach 9 Uhr am Morgen beginnt. Zeitgleich mit dem Eintreffen der Richter wird der Angeklagte in den Gerichtssaal geführt. Ein kurzes Blitzlichtgewitter, dann setzt sich der Geseker auf seinen Platz hinter seinem Verteidiger, direkt an der Wand. Mit dem Rücken zur Wand, könnte man auch sagen. Hat er die Bluttat gezielt geplant oder nach einem Streit, nach einer Kränkung, wie er es bei einer von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung andeutete, im Affekt gehandelt?

Fall mit Gruselpotenzial

Mit unbewegter Miene starrt der junge Mann die gesamte Verhandlung über nach unten, so als fixiere er einen imaginären Punkt im Nichts. Nicht einmal geht sein Blick schräg gegenüber zur Bank der Nebenklage, wo die Eltern des getöteten 17-Jährigen sitzen. Während sein Verteidiger Jerrit Schöll den ersten Beweisantrag vorbringt, pfeift der Wind durch Saal 205 des Landgerichts. Fast könnte man meinen, man sei in einem alten Edgar-Wallace-Film gelandet. Auch der Fall des 19 Jahre alten Gesekers hat Gruselpotenzial – ein freundlicher, hilfsbereiter, zuverlässiger Mann mit einem hohen sozialen Verantwortungsgefühl, so Zeugenaussagen, hat seinen besten Freund brutal umgebracht.

Nach Ansicht von Staatsanwalt Fabian Klein habe der junge Mann den Plan gefasst, den 17-Jährigen zu töten, und sei dabei zielgerichtet vorgegangen. „Aus einem Missgunst- und Aggressionsgefühl heraus“. Erst habe er den 17-Jährigen zu einer Scheune geführt, ihn unter einem Vorwand dazu gebracht, sich vor das Tor zu knien, und habe ihm von hinten eine 1,5 Kilogramm schwere Eisenstange auf den Kopf geschlagen. Drei weitere Schläge folgten. Dann sei der Angeklagte, um sich ein Alibi zu verschaffen, kurz zu einem Schnellrestaurant gefahren. Nach der Rückkehr soll er den noch lebenden Freund mit tiefen Messerstichen am Hals getötet haben. Klein fordert eine Freiheitsstrafe von elf Jahren und neun Monaten wegen versuchten Heimtücke-Mordes und vollendeten Verdeckungs-Mordes. Dem schließt sich Nebenklage-Vertreter Pohlmann an: „Das Schlimme ist, dass das Opfer sich überhaupt keiner Gefahr bewusst war.“ Er prangert das „brutale und kaltblütige“ Vorgehen des jungen Täters an.

Keine Dissonanzen

Das sieht der Verteidiger des Gesekers anders. Jerrit Schöll, der zuvor einen (abgewiesenen) Befangenheitsantrag gegen die Richter gestellt hat, geht von einer Tat im Affekt aus. Nach einem Streit der beiden besten Freunde, „zwischen denen es keine Dissonanzen gab“. Er appelliert an das Gericht, dass die Strafe nicht sechseinhalb Jahre überschreiten solle: „Jugendrecht ist vom Erziehungsgedanken geprägt, nicht von der Bestrafung.“

Die Zuschauerränge sind immer noch voll, als die Vorsitzende Richterin Margret Manthey den Verhandlungstag nach zehn Stunden beendet. Der junge Mann auf der Anklagebank weiß, was er der Familie des Opfers angetan hat. „Ich weiß“, sagt der 19 Jahre alte Geseker in seinem Schlusswort, „dass ich die Tat nie wieder gutmachen kann.“