Das aktuelle Wetter NRW 20°C
Blinde Fotomodelle

Man sieht auch mit dem Herzen schön

12.02.2012 | 17:12 Uhr
Man sieht auch mit dem Herzen schön
Visagistin Renata Sebalj (Links) pudert Modell Simone Strasser noch einmal, bevor das Foto-Shooting beginnt. Foto: Nina Grunsky

Meschede.   Wie empfinden blinde Menschen Schönheit? Dieser Frage sind im Bergwerk Ramsbeck bei einem Foto-Shooting Thomas und Volker Sperner aus Meschede nachgegangen.

Ramsbeck. 11 Uhr morgens. 300 Meter unter Tage. Die Frisur sitzt. Simone Strasser sieht es nicht. Aber sie spürt es.

Nach Öl riecht es im alten Maschinenraum des Besucherbergwerks in Meschede-Ramsbeck wohl schon lange nicht mehr, heute dafür aber nach Haarspray. Volker Sperner sprüht tapfer gegen die Luftfeuchtigkeit an. Wasser tropft kalt von der Decke, sammelt sich in schmuddeligen Pfützchen auf dem Boden.

Eine ungewöhnliche Gesellschaft ist es, die an diesem Sonntagmorgen eingefahren ist: Ein Blindenhund und eine Dame mit Lockenwicklern auf dem Kopf sind darunter. Während die Grubenbahn eineinhalb Kilometer langsam durchs Stockfinstere rappelt, da bekommt der Besucher eine Ahnung davon, worum es an diesem Tag geht. Darum nämlich, wie es ist, wenn man kaum mehr sieht als Dunkel und vielleicht noch ein spärliches, grieseliges Licht - wie hier an der Decke der Bahn. Wie man in dessen Schimmer aussieht - wer nimmt das schon wahr?

Die vier Damen offenbar, die unterwegs in den Berg sind. Brigitte kann von Geburt an nichts sehen. Simone und Andrea sind vor Jahren erblindet, können nur noch Hell und Dunkel voneinander unterscheiden. Claudia sieht mit einem Auge nicht mehr als Schemen.

Die Schönheit liege im Auge des Betrachters, heißt es. Was aber, wenn der nichts sehen kann? Diese Frage haben sich Thomas und Volker Sperner, Inhaber eines Friseursalons in Meschede, gestellt. „Wie empfindet ein blinder Mensch Schönheit?“

Mit den Händen zum einen: „Ich freue mich, dass meine Haare sich jetzt so schön glatt sind“, sagt Andrea Kamitz mit einem Lächeln. Mit den Fingern streicht sie dabei über den Brombeer-farbenen Pagenkopf. Vor einigen Wochen hat die Wittenerin vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband eine E-Mail bekommen. Darin die Anfrage der Sperners, welche Frauen Lust und Mut haben, sich hübsch machen zu lassen und an einem Fotoshooting teilzunehmen.

Eine Aktion, die an diesem Tag zeigt, dass man Schönheit zum anderen wohl vor allem mit dem inneren Auge, mit dem Herzen erfährt. „Ich weiß nicht genau, wie ich aussehe“, räumt Simone Strasser ein. Aber sie spürt ganz offensichtlich, wie hübsch und sexy sie zurecht gemacht ist. Im kurzen Rock, mit Netzstrümpfen und einer Korsage, die ihre Tätowierungen nicht verdecken, lehnt die Schwelmerin im Maschinenraum lasziv an einer der verrosteten Stahltüren, posiert dann aufreizend auf einem Hocker. Und sie lächelt dabei in die Kamera, wie es sonst nur Top-Models tun.

Sie strahlt das aus, was Claudia Augustin aus Herten in Worte fasst: „Ich bin gleich drei Meter größer.“ Und sie fügt hinzu: „Hier kann ich aufrecht und gerade stehen.“ Das Make-up, die neue Frisur - sie haben ihr noch mehr Selbstbewusstsein gegeben. Ebenso wie das Gefühl, so schildert Simone Strasser, eine ganz neue Situation, eine Herausforderung gemeistert zu haben.

Das dürften auch die beiden Fotografen Michael Schuff und Sylvia Moritz, Institutsleiterin an der Fachhochschule für Fotografie in Köln, vermutlich empfunden haben: Der Augenkontakt des Models mit der Kamera, also dem Betrachter des Bildes, sei für den Fotografen normalerweise äußerst wichtig, so Sylvia Moritz. „Hier aber ist der Blick ein anderer“, erklärt sie.

Und dennoch ein äußerst wirksamer, wie die Foto-Ausstellung zeigen wird, die bis zum Sommer dem Shooting folgen soll.

Nina Grunsky

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/6342719/create

Aktuelle Fotos und Videos
Die Knochenmühle in Meinerzhagen
Bildgalerie
Museen im MK
Tanzhommage an Queen
Bildgalerie
Kultur Pur 2012
Dachstuhlbrand in Hagen
Bildgalerie
Feuer
Tödlicher Unfall bei Hagen
Bildgalerie
Polizei
Aus dem Ressort
Vom Aufstieg und Fall des Rüdiger Höffken
Prozess
Felgenfabrikant aus Attendorn hört die Anklageschrift. Verteidigung wehrt sich gegen Gerichtsstandort Dortmund.
Das ist los an Pfingsten - Tipps fürs lange Wochenende
Freizeit
Die Wettervorhersage verspricht ein sensationelles Pfingstwochenende. Also: Ab vor die Tür. Wir haben Tipps zusammengetragen, wie Sie die freien Tage zum echten Kurzurlaub vor der Haustür machen können - egal ob Sie im Ruhrgebiet, im Sauerland, am Niederrhein oder im Raum Düsseldorf zu Hause sind.
Foto 2 Kommentare 2