„Man kann nicht alles regeln“

Stuttgart..  Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat im Fall eines­ ­langjährigen Wachkoma-Patienten in Frankreich der passiven Sterbehilfe, also dem Einstellen der künstlichen Ernährung des Unfallopfers, stattgegeben. Am Rande des Evangelischen Kirchentages in Stuttgart gibt Annette Kurschus, die Präses der Westfälischen Landeskirche, gegenüber unserer Zeitung eine aktuelle Einschätzung zu dieser juristischen Entscheidung.

Wie bewerten Sie die passive Sterbehilfe?

Präses Kurschus: Die passive Sterbehilfe ist in Deutschland nicht gesetzlich verboten. Das Thema aber berührt immer absolute Grenzfälle. Und ich bin der Ansicht, dass man in diesem Grenzbereich nicht alles bis ins Letzte juristisch regeln kann. Es wird immer eine Grauzone geben und damit auch ein gewisser Entscheidungsspielraum ­bleiben.

Was bedeutet das in der Praxis?

Wir können einfach nicht alles bis ins letzte Detail gesetzlich ­regulieren. Wir können uns nicht vor einer Restverantwortung durch Gesetze absichern. Am Ende steht der Mensch allein vor Gott.

Welche Rolle kann die Kirche in der Aufarbeitung solcher Grenzfälle des Lebens übernehmen?

Wir sind Gesprächspartner. Wir können zuhören und auch einfach aushalten helfen. Und wir können die Dimension von Schuld und von möglichen Vorwürfen thematisieren. Aber wir treten natürlich ­zugleich auch dafür ein, dass alles getan wird, das Sterben möglichst erträglich und in Würde zu ­gestalten. Palliative Arbeit in ­unseren diakonischen Einrichtungen begleitet Menschen, die sterbenskrank sind, und sorgt medizinisch für die Linderung der Schmerzen.

Der CDU-Politiker Patrick Sensburg hat sich dafür ausgesprochen, ­Mediziner, die Sterbehilfe leisten, mit mehrjährigen Gefängnisstrafen zu belangen. Was halten Sie davon?

Aktive Sterbehilfe ist bei uns verboten, und das soll auch so bleiben. Den Vorstoß, mit Haftstrafen zu drohen, kann ich allerdings nicht so begrüßen.