"Madama Butterfly" – Tragödie auf gefluteter Bühne

Hochzeit gehört zum Geschäftsmodell. Szene aus Madama Butterfly in Hagen mit (v.l.)  Veronika Haller, Kenneth Mattice, Richard Furman und dem Chor.
Hochzeit gehört zum Geschäftsmodell. Szene aus Madama Butterfly in Hagen mit (v.l.) Veronika Haller, Kenneth Mattice, Richard Furman und dem Chor.
Foto: Klaus Lefebvre
Was wir bereits wissen
Das Theater Hagen lässt Puccinis „Madama Butterfly“ im See spielen. So entstehen starke Bilder für eine gelungene Inszenierung mit tollen Sängern.

Hagen.. Gefaltete Papierbötchen schwimmen auf dem gefluteten Bühnenboden. Sie sind ein Symbol für das Schiff, das den Geliebten bringen soll und das nicht kommt. Mit starken Bildern und hervorragenden Sängern zeigt das Theater Hagen jetzt „Madama Butterfly“ als ganz große Oper, jenes Erfolgsstück von Giacomo Puccini, das mit seiner Sextourismus-Thematik im Zeitalter der Globalisierung aktueller scheint denn je. Das Publikum feiert die Premiere begeistert mit Beifall im Stehen.

Sehnsucht nach dem Exotischen

Hagens Intendant Norbert Hilchenbach vermeidet als Regisseur die üblichen „Butterfly“-Inszenierungsfallen. Er verengt seine Interpretation nicht auf das beliebte Motiv des weißen Mannes, der die Armut im fernen Land ausnutzt, um seine Gelüste zu befriedigen. Hilchenbachs Butterfly ist kein Opfer. Die Sehnsucht nach dem Exotischen funktioniert in beide Richtungen. Der US-Marineoffizier Pinkerton möchte eine der geheimnisumwitterten Geishas zum Spielzeug. Butterfly hingegen wird angetrieben von ihren Phantasien über die amerikanische Kultur mit Christentum, Jeans und Pizza.

Bühnenbildner Peer Palmowski stellt die Tragödie in einen zauberhaften Raum a la Japonaise. Der Bühnenboden wird zum See, das Ensemble agiert auf Stegen und Plattformen. Das mutet so faszinierend an wie die Farbholzschnitte des japanischen Künstlers Utagawa Hiroshige. Dazu trägt die Lichtregie von Ernst Schießl bei, der vom zarten Mandarine bis zum verzweifelten Grauviolett Seelenstimmungen koloriert.

Natürlich steht das Wasser für die Unsicherheit, für den wackligen Boden, auf dem alle Protagonisten agieren. Doch ganz profan bildet die Szene auch ein touristisches Nobel-Resort ab, in dem ferngesteuerte Reispapierwände Intimität schaffen und eine halbseidene Industrie davon lebt, den Gästen jedes Bedürfnis zu erfüllen.

Butterfly und ihre Freundin Suzuki sind Bestandteil des Geschäftskonzepts. Zum Angebotspaket gehört die Ehe auf Zeit, die behördliche Moralbedenken ablenkt und gleichwohl den Militärs die Stationierung pikant versüßt. Doch wenn sich Pinkerton und Butterfly begegnen, greift dieser Kreislauf nicht mehr. Denn Liebe gehört nicht zum System.

Oper Norbert Hilchenbach zeichnet Butterflys Schicksal als fortschreitende Verstörung. Im zweiten Akt hat sich der luftige japanische Raum in eine Müllhalde mit Fast-Food-Verpackungsresten verwandelt; Butterfly identifiziert sich so sehr mit Amerika, dass sie sich sogar die Haare blond färbt. Der Realitätsverlust wird zum Identitätsverlust – mit tödlichen Folgen.

Ein junger Heldentenor

Das Hagener Sängerensemble ist jede Reise wert. Sopranistin Veronika Haller nimmt sich als Butterfly im ersten Akt noch zurück, um dann mit der Arie „Un bel di vedremo“ all ihre Hoffnungen überströmend herauszusingen. Der junge amerikanische Heldentenor Richard Furman gibt in Hagen sein Europa-Debüt und hat hier bereits in „Vanessa“ und in „Fidelio“ Furore gemacht. In seine Rolle als Pinkerton stürzt er sich voller Leidenschaft. Den spielt er als naives Provinzei, das in der Fremde auf Abenteuer aus ist. Seiner Frau (Eva Trummer) wird man später ansehen, dass sie gewohnt ist, hinter ihm aufzuräumen. Aber Furmans großer, edel gefärbter Tenor verrät, warum Butterfly sich ausgerechnet in diesen Mann verliebt.

Kenneth Mattice ist mit sehr gut geführtem Bariton und bodenlosem Flachmann ein Konsul, der in der Fremde zerrieben wurde. Mezzosopranistim Kristine Larissa Funkhauser kann als Suzuki nicht nur mit Herzblut singen, sondern vor allem auch umwerfend spielen.

„Madama Butterfly“ wurde 1904 uraufgeführt und bleibt ein Welterfolg mit Taschentuchgarantie. Dabei ist die Oper tückisch zu dirigieren. Das Orchester soll mit brillanter sinnlicher Geste auftrumpfen, ohne die Sänger zu überstrahlen. Und die japanischen Stilelemente müssen organisch in die fein gewebte Partitur integriert werden. David Marlow überzeugt mit den Hagener Philharmonikern besonders an den Stellen, wo Puccini bewusst die glühenden Orchesterfarben verblassen lässt, um mit fahlen Schattierungen den tödlichen Ausgang zu grundieren.

Karten und Termine: www.theaterhagen.de