Lehrer in Südwestfalen fühlen sich im Stich gelassen

Auffangklasse für Seiteneinstieger aus Zuwandererfamilien an der Hauptschule Rember-.Foto: Michael KLEINRENSING
Auffangklasse für Seiteneinstieger aus Zuwandererfamilien an der Hauptschule Rember-.Foto: Michael KLEINRENSING
Foto: WP Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Die wachsende Zahl an Flüchtlingskindern stellt die Lehrer von Auffangklassen vor Probleme. Die Klassen sind heillos überfüllt, die Pädagogen fühlen sich vom Schulministerium und der Bezirksregierung im Stich gelassen.

Hagen.. 18 bunte Schülerfotos hängen über der Tafel der Hagener Hauptschule Remberg. Die Bilder verraten nicht, dass hier keine Jungen und Mädchen wie alle anderen lernen. Es sind Schüler aus zehn Nationen, die in die Auffangklasse für Zuwanderer- und Flüchtlingskinder gehen. Sie sind zwischen 11 und 15 Jahre alt. Die Mehrzahl kommt aus Ländern der EU, aber einige auch aus Syrien. Sie haben Glück, von einer so engagierten Lehrerin wie Sanja Pantelic unterrichtet zu werden.

Immer mehr Kommunen in Südwestfalen bieten solche Auffangklassen wie in Hagen an. Die wachsende Zahl an Flüchtlingskindern stellt die Lehrer aber vor Probleme. Die Klassen sind heillos überfüllt, die Pädagogen fühlen sich vom Schulministerium und der Bezirksregierung im Stich gelassen. Die zugespitzte Situation in Hagen steht exemplarisch für die Auffangklassen in den Schulen Südwestfalens.

130 Schüler, darunter viele Flüchtlinge aus den Balkanstaaten, Jesiden aus den Kurdengebieten in Syrien, Iraker und Bootsflüchtlinge aus Afrika lernen in den sieben Auffangklassen der Hauptschule Remberg die deutsche Sprache. Weitere 90 Schüler mussten auf andere Schulen ausgelagert werden.

In den ersten Tagen können sich die Kinder nur mit Händen und ­Füßen verständigen. Keine leichte Aufgabe für die Lehrer, die in Hagen anfangs kleine Zettel an Gegenstände pappen. Zettel, die darauf hinweisen, wie das Objekt auf Deutsch heißt.

„Es ist ein knochenharter Job“

„Die Schule platzt aus allen Nähten“, berichtet Schulleiterin Gabriele Fischer. Die wachsende Zahl der Flüchtlingskinder habe dazu geführt, dass die Ganztagsschule ihrem Namen nicht gerecht wird: „Am Nachmittag fällt der Unterricht wegen des Lehrermangels aus.“ Aus Platznot werde sogar in der Bibliothek unterrichtet. In viel zu großen Klassen. „Es sind bis zu 20 Kinder, früher waren es zwischen 11 und 15.“ Wegen der ­Altersunterschiede müsse man einen besonders differenzierten Unterricht anbieten.

Sanja Pantelic: „Ohne Idealismus ist das nicht zu bewältigen.“ Zwangsrekrutiert sei aber keiner. Das bestätigt auch Gabriele ­Fischer: „Sonst ginge es auch nicht. Es ist ein knochenharter Job.“

Am Kommunalen Integrationszentrum der Stadt lasse sich, so die Schulleiterin, am besten die prekäre Lage der Schulen beschreiben: Für die Zuweisung der wachsenden Zahl von Flüchtlingskindern stehe noch nicht einmal eine halbe Planstelle zur Verfügung. „Wir sind heilfroh, dass wir unsere drei Sozialarbeiter halten konnten.“ Ohne sie wären die Lehrer oft verloren, würde so manches Kind nicht erreicht. Unter den Flüchtlingskindern seien viele, die sich in den ersten Wochen abkapseln und erst nach Wochen über ihre traumatischen Erlebnisse sprechen.

300 zusätzliche Stellen

Leider würden weder das Schulministerium noch die Bezirksregierung auf die Hilfeschreie aus den betroffenen Schulen reagieren, klagt Gabriele Fischer. „Wir brauchen dringend mehr Lehrer, mehr Räume, kleinere Klassen...“

Die Schulleiterin weist auf ein weiteres Problem hin: „Es kommen immer mehr Kinder aus den Balkanstaaten zu uns, die noch nie eine Schule von innen gesehen haben.“ Das bremse den Unterricht.

Auf die Kritik der Lehrer reagiert das Schulministerium prompt und wiederholt mantramäßig: „Das ist für alle eine Herausforderung.“ Man sei in Düsseldorf nicht untätig gewesen. Anfang 2015, so berichtet es ein Sprecher des Ministeriums, habe der Landtag 300 zusätzliche Lehrer-Stellen als Nachtrag für den Haushalt 2015 beschlossen. 14,2 Millionen Euro seien zusätzlich bewegt worden. Die Kritik der Lehrer könne man verstehen, aber für Detailfragen seien die Kommunen vor Ort zuständig. „Wie gesagt, es ist für alle eine Herausforderung.“