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Lahme sollen mit Hilfe von Robotern wieder gehen lernen

18.02.2013 | 18:36 Uhr
Lahme sollen mit Hilfe von Robotern wieder gehen lernen
Die Patientin Cornelia Hinerasty trainiert im Therapiezentrum Ambulanticum in Herdecke unter Anleitung ihres Therapeuten auf einem Spacecurl.Foto: Mark Keppler

Herdecke.   Das Ambulanticum in Herdecke bietet eine robotikgestützte ganzheitliche Therapie für neurologische Patienten. In dem Therapiezentrum werden vor allem Patienten nach einem Schlaganfall, einem Schädelhirntrauma oder einer Querschnittslähmung behandelt. Eigene Erfahrungen fließen darin ein.

Fabian Wegehaupt schließt die letzten Klettbänder; gleich hat er Renate Gebert komplett in den Lokomaten eingehängt. Dann stellt er das Gerät, eine Art Geh-Roboter, an, mit einem leisen Surren setzt es sich in Bewegung - und Renate Gebert. Sie geht. Erst noch schreitet sie in der Luft, dann setzen ihre Füße auf dem Laufband auf, rechts, links, rechts, links - und so fort.

Gehen ist für Renate Gebert nichts Selbstverständliches. Die 51-Jährige aus Remscheid hatte 2010 einen Motorradunfall, brach sich einen Brustwirbelkörper. Seitdem sind ihre Beine gelähmt, Gebert ist auf den Rollstuhl angewiesen. Seit einem halben Jahr trainiert sie im Ambulanticum Herdecke, mit einem klaren Ziel: „Ich will aus dem Rolli raus!“ Noch ist es nicht so weit, „die Muskulatur ist nicht so weit“, weiß sie selbst.

Die Patientin trainiert mit einem Armroboter. Foto: Mark Keppler

Lahme sollen wieder gehen - auch dafür steht das Ambulanticum in Herdecke. In dem Therapiezentrum werden vor allem Patienten nach einem Schlaganfall, einem Schädelhirntrauma oder einer Querschnittslähmung behandelt. Mit Hilfe moderner Robotik, wie dem Lokomaten.

Der misst etwa bei Renate Gebert, wie viel Eigenarbeit sie gerade zu leisten in der Lage ist, und passt sich dem an. Zudem steuert  Sportwissenschaftler Wegehaupt das Gerät so, dass Gebert mal mehr, mal weniger Muskelkraft beisteuert. Eigenaktivität werde so gefördert, sagt Wegehaupt. Gebert muss auch mal um die Ecke gehen - ein Bildschirm zeigt an, wohin die Reise geht. Wege, Bäume, große Steine sind drauf zu sehen. Gebert steuert mit ihren Beinen einen Avatar auf dem Bildschirm. Biofeedback nennen sie das im Ambulanticum; es soll Erfolgserlebnisse vermitteln.

Kein Geld für die Nachsorge

„Erschöpft, aber zufrieden“ ist Gebert nach einer Stunde. Sie ist 1800 Schritte gegangen, 800 Meter. Einmal die Woche lässt sie sich ins Ambulanticum fahren, mehr ist finanziell nicht drin. Die Krankenkassen übernehmen die Therapiekosten bislang nicht - kein Einzelfall, eher die Regel. Gerade, wenn es um Schlaganfallpatienten geht. „Die Akutversorgung in Deutschland ist so gut, dass immer mehr Menschen überleben“, sagt Marion Schrimpf, „aber für die Nachsorge ist kein Geld mehr übrig“, schimpft sie: „Keiner guckt hin, wie die überleben!“ (Siehe auch Kasten.)

Schrimpf hat mit ihrem Mann Bernd Krahl das Ambulanticum aufgebaut. Krahl war in seinem früheren Leben Zahnarzt, dann erlitt er, 2007 war das, zwei Hirninfarkte. Nach fünf Monaten Reha lautete die Prognose: Schwerst-Pflegefall, nach einem Jahr: „Austherapiert. Perspektive: Bett und Rollstuhl.“ Doch Krahls Wille war groß, der seiner Frau und Familie auch, sie organisierten Postrehamaßnahmen in ganz Deutschland und darüber hinaus, Robotik gestützte Laufbandtherapie, computeranimiertes Armtraining, Physiotherapie, Ergotherapie, Elektrostimulation, Logopädie. Krahl kann heute wieder gehen, wenn auch am Stock, er führt mit seiner Frau das Ambulanticum. Die Erfahrungen aus dieser Zeit legten den Grundstein für das Ambulanticum: Was für Krahl mühsam zusammengesucht werden musste, bietet das Ambulanticum an einem Ort. Kernkonzept: „Wir haben den ganzen Patienten im Blick, therapieren nicht nur den linken Arm oder das rechte Bein“, sagt Schrimpf.

„Er kann wieder Treppen steigen“

Auch Frank-Norbert Bock hatte einen Schlaganfall vor knapp drei Jahren. Jetzt sitzt er am Pablo, einem Sensorgriff, der Greifbewegungen trainiert, und sammelt an einem Bildschirm Früchte. Vor anderthalb Jahren sollte der 64-jährige Hagener in ein Pflegeheim, auch er galt als „austherapiert“. Stattdessen machte er eine zweite Reha, ging dann ins Ambulanticum. „Jetzt kann er wieder Treppen steigen, auch geistig hat er sich gut entwickelt“, freut sich seine Frau Therese. Sie unterstützt ihren Mann in vielen Dingen, lobt Marion Schrimpf, „es ist wichtig, dass die Angehörigen total motiviert sind“, sagt sie. Denn auch das gehört zum Konzept des Ambulanticums: Die Angehörigen müssen mitmachen.

Kostenübernahme für Mitglieder der Techniker Krankenkasse

Bislang übernehmen die Kassen im Ambulanticum die Kosten für Einzeltherapien wie Physio- und Ergotherapie oder Logopädie, „alles, was eine Abrechnungsnummer hat“, sagt Marion Schrimpf. Robotik gestützte Therapien hingegen werden in der Regel nicht bezahlt.

Das ändert sich jetzt. Die Techniker Krankenkasse (TK) wird für neurologische Patienten die Kosten für ein Intensivtraining übernehmen. „Andere Kassen werden uns folgen“, glaubt Christian Els­pas, NRW-Sprecher der TK. Er nennt das Herdecker Konzept „einmalig für Deutschland“.

Lorenz Redicker



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