Kritik an "Einser-Abitur" macht Schüler und Lehrer wütend

Ob Englisch- oder Deutsch-Unterricht. Die Anforderungen an Abiturienten sind hoch.
Ob Englisch- oder Deutsch-Unterricht. Die Anforderungen an Abiturienten sind hoch.
Foto: WP Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Wenig Verständnis für die Kritik an guten Abiturnoten haben Schüler und Lehrer in Südwestfalen. Schulleiter der Gymnasien sehen eine deutliche Verbesserung im Schulbetrieb. Geschenke gibt es nicht.

Südwestfalen.. Verkehrte Welt. Mädchen und Jungen im Land bestehen das Abitur mit einem glänzenden Notendurchschnitt – mit einer Eins vor dem Komma. Und was passiert? Es hagelt Kritik. Von einer Entwertung der Reifeprüfung, von einer Einser-Inflation ist die Rede. Vorneweg der Deutsche Philologenverband. Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger will nicht glauben, „dass in Deutschland bei Abiturienten plötzlich eine Leistungsexplosion stattgefunden hat“. Er bezweifelt, „ob heute noch in vielen Fällen hinter der Studienberechtigung auch eine Studienbefähigung steht“.

Ansprüche nicht gesunken

Was sagt die Basis? Johannes Droste (Abitur 1977/Note 1,7) Schulleiter des Gymnasiums Petrinum in Brilon, kann den vermeintlich „düsteren Fall, den diese Verbandsleute sehen, nicht nachvollziehen“. Auch hält der 58-Jährige die guten Leistungen der Schüler nicht „für den Untergang des Abendlandes“. Droste: „Ich weigere mich in dieser Diskussion von vorneherein auszuschließen, dass das System Schule besser geworden ist. Auf diese Idee kommt offenbar niemand.“

Abitur Äpfel mit Birnen will er nicht vergleichen, doch das Beispiel gefällt ihm. Es sei so eingängig. „Die in Deutschland gebauten Autos sind in den vergangenen Jahrzehnten immer besser geworden. Doch nicht, weil die Ansprüche heruntergeschraubt worden sind?“ Es sei zu kurz gedacht, die guten Noten allein mit niedrigen Anforderungen in Verbindung zu bringen: „Wer nur diesen monokausalen Zusammenhang sieht, der gehört nicht zum engsten Zirkel der Fachleute.“ Statistik am Rande: Drei von 138 Abiturienten haben am Petrinum einen Notendurchschnitt von 1,0 - und weitere 16 haben eine Eins vorm Komma.

Louisa Klein hat das Abitur am St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn mit 1,9 bestanden. Und die 17-Jährige weiß: „Niemand bekommt die guten Noten geschenkt. Man muss dafür was tun.“ Die Abiturientin will in Zukunft dafür sorgen, dass Schüler weiterhin gute Noten haben: „Ich möchte Lehrerin werden. Das weiß ich seit meinem ersten Schultag.“

Albert Contzen (Abitur 1983, Note 2,3) ist schon länger Lehrer und inzwischen stellvertretender Schulleiter der Hildegardis Schule in Hagen, ein staatlich anerkanntes katholisches Gymnasium in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn. Der 51-Jährige bezweifelt einen Intelligenzschub beim Nachwuchs: „Ich weiß nicht, ob die Schüler schlauer geworden sind.“ Bessere Noten würden jedoch nicht leichtfertig vergeben. Vielmehr hätte sich die Schule durch viele einzelne Schritte positiv entwickelt. „Das fängt bei der individuellen Förderung an, geht über besser zugeschnittene Lehrpläne und hört beim besseren Verhältnis von Lehrern und Schüler im Vergleich zu früher nicht auf.“

Whatsapp-Schummelei Markus Ratajski (Abitur 1986/Note 2,0), Schulleiter des St.-Ursula-Gymnasiums in Attendorn, sieht das ähnlich: „Eine Inflation wäre es nur, wenn die Noten nicht durch Leistung gedeckt werden. Das ist nicht der Fall.“ Der 48-Jährige warnt vor einer Überwertung der Noten. „Wir haben es mit Menschen zu tun, die hier an der Schule erwachsen werden. Wir sind es, die ihnen Werte vermitteln und für ihre Herzensbildung sorgen wollen.“ Er halte nicht viel davon, den Menschen an sich allein mit Noten bewerten zu wollen.

Ist das so? „Eine gute Note in Mathematik ist für einen Beruf in der Papiertechnologie viel wert“, sagt Silvia Kerwin (Abitur 1987, Note 2,8), Sprecherin der Westfälischen Papierfabrik in Arnsberg. „Wir schielen aber nicht nach der Eins vor dem Komma. Es zählt, ob der Bewerber ins Team passt.“