Kettler insolvent – Kettcar-Hersteller fürchtet Übernahme

Ein Arbeiter verpackt in Ense in einem Werk der Heinz Kettler GmbH ein Kettcar.
Ein Arbeiter verpackt in Ense in einem Werk der Heinz Kettler GmbH ein Kettcar.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
1100 Kettler-Mitarbeiter bangen um ihren Job. Trotz Zahlungsunfähigkeit will das Unternehmen die Insolvenz in Eigenregie über die Bühne bringen.

Ense.. Wer war, wer ist in seinem Leben nicht mit Kettler unterwegs? Als Kind mobil mit dem Kettcar, als Erwachsener beim Abspecken auf dem Trimmrad, heute Hometrainer. Fit mit Kettler.

Vorbei? Vergangenheit?

Insolvenz Der am Dienstag beim Amtsgericht Arnsberg eingereichte Insolvenzantrag des traditionsreichen Familienunternehmens hat den Ort mit seinen 12 503 Einwohnern und den Kreis Soest aufgeschreckt. Was wird werden? 1100 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

Angst um die eigene Existenz

„Die Belegschaft ist gereizt“, sagt Jürgen Borghardt, seit 1990 Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates. Und seit 44 Jahren ist der 63-Jährige im Unternehmen. „Die Existenzängste sind greifbar. Jeder fragt sich, von wo bekomme ich mein Geld.“ Der Kamener glaubt an eine Zukunft. „Der Name Kettler steht für Qualität. Die Produkte sind in Ordnung.“ Die Ursachen für die Krise? Borghardt zuckt mit den Schultern: „Rückläufig sind die Fitnessgeräte für zu Hause. Die Leute gehen in die Sportstudios, die schießen wie Pilze aus dem Boden.“

Ob es an Innovationen in den vergangenen Jahren gefehlt? „Sie haben Recht. Wenn es nichts Neues gibt, fehlt es an Produkten. Man kann das Rad aber auch nicht ständig neu erfinden.“ Zur Erinnerung: 1977, vor fast vierzig Jahren, ist Kettler mit dem ersten Alu-Rad in der Radwelt ganz weit vorne. Mit ein Grund für die finanziellen Schwierigkeiten seien auch die Verluste im Auslandsgeschäft gewesen. „Russland haben wir verloren. Das tut weh.“ Und spiegelt sich im Umsatz. Lag er 2008 bei etwa 300 Millionen Euro, waren es im vergangenen Jahr etwa 200 Millionen Euro. Eine Bestätigung von der Unternehmensleitung gibt es nicht. Sie geht mit der Öffentlichkeit defensiv um. Die Heinz Kettler GmbH und Co. KG veröffentlicht ihre Zahlen nicht.

Schwarz will Torsten Kasubke, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Hamm-Lippstadt, für Kettler in der Zukunft nicht sehen: „Wir wollen sie mitgestalten.“ Der 46-Jährige glaubt nicht an eine Zerschlagung des Unternehmens. „Kettler ist begehrenswert, Kettler hat weltweit einen Namen. Jeder, der Kettler kauf, will Made in Germany haben.“

Heuschrecke vor der Tür

Nach dem ersten Schock über die Insolvenz in Eigenverwaltung, „die Mitarbeiter schieben Frust und sind erschrocken“, ist er froh, „dass damit die feindliche Übernahme durch einen Finanzinvestor, und es war eine Heuschrecke, vermieden werden konnte“.Wie mehrere Quellen unabhängig voneinander berichten, soll es sich dabei um den US-Investor Carlyle gehandelt haben.

Ziel, so Kasubke, sei es, alle Arbeitsplätze an den Standorten zu halten. Massiven Widerstand kündigt er an, „wenn es nicht mehr heißt Made in Germany“. Das mag sich Bürgermeister Hubert Wegener gar nicht vorstellen. Der Parteilose beobachtet die Entwicklung mit Sorge. „Die Firma Kettler ist unser Aushängeschild. Die meisten Beschäftigten kommen aus der Umgebung.“

Der 61-Jährige weiß, „dass die Kommune mit der Wirtschaftsförderung nur begrenzt helfen kann“. Aussichtslos bewertet Wegener die Lage nicht. „Ich habe die Hoffnung, dass es eine Lösung mit Perspektive gibt.“ Damit ist er nicht alleine. Die Krise bei Kettler ist Tagesgespräch in Ense. Markus Ständer kauft gegenüber beim Discounter ein. Der 43-Jährige: „Wenn die Pleite kommt, ist es sehr traurig.“