„Jugend für die Dörfer begeistern“

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Was wir bereits wissen
Landrat Schneider und Südwestfalen-Agentur-Chef Winterberg über die Zukunft der Region. „Junges Forum“ soll Dialog mit der nachfolgenden Generation fördern.

Hagen.. Die großen Städte wachsen, der ländliche Raum dünnt weiter aus. Mit dieser Erkenntnis präsentiert heute die Bertelsmann-Stiftung ihre neueste Bevölkerungsprognose. Die Studie bestätigt einmal mehr die bekannten Zahlen, die den fünf Kreisen Südwestfalens sowie der Stadt Hagen einen Bevölkerungsrückgang zwischen acht und elf Prozent bis 2030 voraussagen. Zu diesem Thema baten wir den Landrat des Hochsauerlandkreises Dr. Karl Schneider sowie den Geschäftsführer der Südwestfalen Agentur, Hubertus Winterberg, zu einem Interview.

Abwanderung, steigendes Durchschnittsalter und ein erhöhter Pflegebedarf ergeben sich aus den demografischen Daten. Wie soll unsere Region auf die Herausforderungen reagieren?

Karl Schneider: Das ist eine große Frage, auf die ich als Aufsichtsrat der Südwestfalen Agentur antworten möchte. Für uns, und jetzt spreche ich für alle Landräte, ist die Zusammenarbeit der Kreise, Städte sowie der Entscheidungsträger der Region ein Schlüssel zum Erfolg. Der Regionale-Prozess hat die fünf Kreise deutlich enger zusammengebracht. Dieses Selbstverständnis müssen wir erhalten, besser noch ausbauen.

Aber reicht das schon als Antwort auf die demografischen Herausforderungen?

Schneider: Lassen Sie mich ein konkretes Beispiel machen. Noch in diesem Jahr wollen wir mit denjenigen, die die Zukunft der Region darstellen, nämlich mit den jungen Leuten über ihre Zukunftsvorstellungen reden. Wir wollen wissen, was die 16- bis 22-Jährigen bewegt hier zu bleiben, wegzugehen oder auch zurückzukommen.

Hubertus Winterberg: Unter der Überschrift „Junges Forum“ werden wir am 19. September in Hilchenbach 60 junge Leute zu einem offenen Diskurs einladen. Sie sollen ihre Vorstellungen benennen und mit uns in eine Art Brainstorming eintreten.

Hat es ein solches Format schon einmal gegeben?

Winterberg: Nicht bei uns in Südwestfalen. Jedenfalls nicht als so breit angelegtes Projekt. Uns ist wichtig, diejenigen zu erreichen, die sich um ihre Region, also um ihr direktes Lebensumfeld, Gedanken machen.

Aber dabei wird es nicht bleiben, oder?

Winterberg: Natürlich nicht. Diese Ideensammlung ist nur der Anfang. Schon am 20. September werden wir einen weiteren Schritt gehen und beim „Zukunftstag der Dörfer“ diese Ideen einspeisen und weiter diskutieren.

Schneider: Schließlich ist doch eines klar: Wenn es nicht gelingt, die nachkommende Generation für die Dörfer zu begeistern, ist ein wesentlicher Baustein der regionalen Identität bedroht. Wir sehen ja heute schon, dass einzelne Vereine Schwierigkeiten haben, Vorsitzende zu finden. Da müssen wir gegensteuern, denn diese Menschen sind Identifikationsfiguren. Sie sprechen für die Dorfgemeinschaften und sorgen für den nötigen Wandel.

Das hört sich gut an, gibt es auch konkrete Beispiele?

Schneider: Schauen Sie zum Beispiel auf den Dorfwettbewerb. Da haben wir noch vor ein paar Jahren unter dem Motto „Unser Dorf soll schöner werden“ auf Fachwerksubstanz und Bepflanzung geschaut. Heute geht es darum, die Probleme von morgen anzugehen. Also Antworten zu finden auf Fragen wie Gesundheitsversorgung, Dorfleben, kulturelle Angebote und Treffpunkte. Wer diese konkreten Fragen diskutiert, fördert den Dialog der Generationen. Denn Dorfentwicklung geht alle etwas an – Jung wie Alt. Und deshalb heißt der Wettbewerb längst „Unser Dorf hat Zukunft“.

Am Ende aber wird es auch um Geld gehen, wenn konkrete Projekte umgesetzt werden sollen. Wie sind Politik und Wirtschaft eingebunden?

Winterberg: Sie haben völlig Recht. Die Idee der Zusammenarbeit in Südwestfalen darf nicht in kleine Zirkel abdriften. Die Regionale hat uns gelehrt, dass nur eine breite Debatte diesen Schulterschluss tatsächlich am Leben erhält. Daher werden wir am 20. November in Bad Fredeburg mit Kommunal-Politikern und Vertretern der gesellschaftlichen Gruppen in Südwestfalen die Ideen aus den vorangegangenen Veranstaltungen reflektieren und weiterentwickeln. Ebenso die sich daraus ergebenden Überlegungen für unsere Arbeit.

Schneider: Dabei treffen wir auf eine breite Unterstützung – besonders in der Wirtschaft. Den Betrieben ist längst klar, dass ihr Arbeitsplatzangebot allein nicht ausreicht, um Facharbeiter in die Betriebe und damit in die Region zu holen. Wir wollen auch im Ruhrgebiet deutlich machen, dass Südwestfalen ein sympathischer und attraktiver Nachbar ist.