Jäger denken über Klage gegen neues Jagdgesetz nach

Ralph Müller-Schallenberg sieht nur noch eine Chance für eine Änderung des NRW-Jagdgesetzes - den Klageweg.
Ralph Müller-Schallenberg sieht nur noch eine Chance für eine Änderung des NRW-Jagdgesetzes - den Klageweg.
Foto: LJV NRW
Was wir bereits wissen
Ralph Müller-Schallenberg, Präsident des Landesjagdverbandes NRW, übt heftige Kritik am neuen Jagdgesetz. Die Reform sei Praxisfern, glaubt er.

Hagen.. Nach Verabschiedung des neuen Jagdgesetzes im Landtag brodelt es in der Jägerschaft. Künftig sind Totschlagfallen verboten, die Liste jagdbarer Arten ist eingeschränkt, und es darf nur bleifreie Munition verwendet werden. Ralph Müller-Schallenberg, Präsident des Landesjagdverbandes NRW, macht seinem Unmut Luft.

Wie groß ist die Wut?

Ralph Müller-Schallenberg: Das Entsetzen darüber war groß, dass die rot-grüne Koalition das Gesetz durchgepeitscht hat. Eine fachliche Debatte im zuständigen Ausschuss hat es nicht gegeben, obwohl genug Zeit gewesen wäre. Das Gesetz hält einer fachlichen Erörterung nicht stand. Es taugt inhaltlich und fachlich nichts.

Fühlen Sie sich als Verlierer?

Müller-Schallenberg: Obwohl sich Land und Leute dagegen massenhaft erhoben haben, hat die Koalition das Landesjagdgesetz verabschiedet. Es ist gegen Jagd und Jäger und gegen den ganzen ländlichen Raum gerichtet. Und es ist ausgeheckt worden gegen die Hauptbetroffenen, gegen Jäger und Grundeigentümer. Eine Politik gegen die Betroffenen ist zum Scheitern verurteilt.

Jagdgesetz Was kritisieren Sie im parlamentarischen Verfahren?

Müller-Schallenberg: Am 22. April wurde bekannt, dass die Regierungsfraktionen das Gesetz bereits in der letzten Aprilwoche verabschieden wollen. Sie hatten vor einer ordentlichen parlamentarischen Beratung offensichtlich große Angst. Denn ursprünglich war geplant, dass das Gesetz im Mai verabschiedet wird. Offene und demokratische Meinungs- und Willensbildung wurde durch geheime Kabinettspolitik ersetzt. Das ist für eine Regierung, die Betroffene zu Beteiligten zu machen vorgibt, höchst merkwürdig. 80 detaillierte Änderungsanträge wurden einfach abgebügelt.

Macht Rot-Grün Politik gegen Jagd und Jäger?

Müller-Schallenberg: Die Grünen gegen das ganze Land. Und die SPD weiß sich nicht richtig zu wehren. Klientelpolitik und Emotionen gehen vor Fach- und Sachverstand. Am 18. März hat es von uns mit mehr als 15 000 Teilnehmern eine der größten Demos gegeben, die jemals vor dem Landtag stattgefunden hat. Jäger und Landleute stehen mitten in der Gesellschaft.

Ist die Reform nicht notwendig gewesen?

Müller-Schallenberg: Das Jagdgesetz ist überflüssige Klientelpolitik auf Kosten der Betroffenen. Besserwisserei und neue Verbote sollen Jäger und Landleute klein machen.

Interview Vermissen Sie die Nähe zur jagdlichen Praxis?

Müller-Schallenberg: Das Gesetz ist gegen gute jagdliche Praxis, die sich über Generationen entwickelt hat und immer wieder verändert hat. Aber das hat Herrn Remmel und die Grünen nicht interessiert, sie haben ihr Ding auch auf Kosten des Koalitionspartners SPD durchgezogen. Schade, dass die SPD ihre eigene, jahrzehntelange Jagdpolitik in NRW über den Haufen werfen lässt.

Wo zeigt sich die Realitätsferne?

Müller-Schallenberg: Hier nur ein Beispiel: Die aktuelle Debatte über Präzisionsprobleme beim Sturmgewehr der Bundeswehr G36 zeigt, dass Gewehre, auch Jagdgewehre, komplexe Systeme sind, bei denen verschiedene Komponenten zusammenpassen müssen, vom Verschluss über den Lauf bis zur Munition. Jetzt schreibt uns das neue Landesjagdgesetz vor, zukünftig nur noch bleifreie Büchsenmunition zu verwenden, die in vielen Bereichen noch nicht hinreichend erprobt ist.

In vielen Kalibern ist noch gar keine bleifreie Munition erhältlich, da die Hersteller die Präzisionsprobleme nicht in den Griff bekommen. Von der geringeren Tötungswirkung bleifreier Büchsenmunition mal ganz zu schweigen. Rot-Grün ordnet also mit dem neuen Landesjagdgesetz den größten Freilandtierversuch aller Zeiten an. Für mich sieht Tierschutz anders aus.

Was stößt Ihnen am meisten auf?

Müller-Schallenberg: Der fehlende Respekt vor Land und Leuten, dem ungeteilten Tier- und Artenschutz und dem privaten Eigentum.

Wie wirksam war der lautstarke Protest der Jägerschaft?

Müller-Schallenberg: Was heißt hier „war“? Der Protest geht weiter.

Wäre leiserer Widerstand, gepaart mit intensiver Lobbyarbeit, sinnvoller gewesen?

Müller-Schallenberg: Ich kann Ihnen versichern, wir haben nichts unversucht gelassen.

Was konnten Sie verhindern?

Müller-Schallenberg: Das Reviersystem konnte gerettet werden. Die geplante Wiedereinführung der Jagdsteuer kommt nicht. Und es gibt kosmetische Reparaturen, mit denen ich mich aber gar nicht lange aufhalte. Der Protest geht weiter, Remmel hat ja schon die nächsten Ankündigungen folgen lassen, Land und Leute zu kujonieren.

Sind Jäger nicht par excellence dem Tier- und Artenschutz verbunden?

Müller-Schallenberg: Die Leute haben diese permanente Verbotspolitik doch längst satt, nicht nur wir Jäger. Jäger haben schon Tier-, Natur- und Artenschutz betrieben, als es die Partei-Grünen noch gar nicht gab. Stattdessen wird eine große Bevölkerungsgruppe auch noch verhöhnt, wie nach der Verabschiedung des Gesetzes in der Grünen-Landtagsfraktion geschehen. Da haben sie sich mit eigens beschafften Jägermeister-Fläschchen zugeprostet und Bilder davon gepostet.

Gibt sich die Jägerschaft zufrieden?

Müller-Schallenberg: Jäger werfen die Flinte nicht ins Korn. Am 30. Mai ist Landesjägertag in Schmallenberg. Dort sehen wir weiter.

Sehen Sie Chancen für eine Korrektur des Gesetzes?

Müller-Schallenberg: Ja - über den Klageweg.

Was denken Sie, wenn Sie Verbotsschilder sehen?

Müller-Schallenberg: Es gibt einen guten freiheitlichen Grundsatz: Wenn es nicht notwendig ist, ein Gesetz zu machen, dann ist es notwendig, kein Gesetz zu machen.