In Hagen war Dustin Brown nicht nur ein Sieggarant

Der Moment des Sieges: Rafael Nadal (rechts) gratuliert Dustin Brown.
Der Moment des Sieges: Rafael Nadal (rechts) gratuliert Dustin Brown.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Tennisprofi Dustin Brown ist nach dem Triumph über Rafael Nadal der aktuelle Wimbledon-Held. In Hagen erinnern sie sich beim TC Rot-Weiß an einen Lebemann mit einer sehr sensiblen Ader. „Aber es war auch anstrengend.“

Hagen/London..  Hans-Horst Klawonn lacht leise. „Eine kleine Anekdote?“, wiederholt er die Frage, um nach einer kurzen Pause vielsagend zu ergänzen: „Jetzt muss ich vorsichtig sein, was ich erzähle.“

Denn der, um den es geht, beherrscht derzeit weltweit die Tennis-Schlagzeilen. Weil er in einem der ungewöhnlichsten und spektakulärsten Matches der jüngeren Vergangenheit den zweifachen Wimbledonsieger Rafael Nadal mit 7:5, 3:6, 6:4 und 6:4 aus dem aktuellen Turnier schmiss. In Runde zwei. Auf dem legendären Centre Court des All England Lawn Tennis and Croquet Club. Seit Donnerstagabend erlebt Dustin Brown deshalb den ganz normalen Wahnsinn, den jeder erlebt, der für die erste Sensation bei diesem Grand Slam in London sorgt.

„Das Spiel war phänomenal“, sagt Hans-Horst Klawonn. „Dustin spielt kein Schultennis. Er agiert intuitiv. Er zaubert mit seinen Armen.“ Und das tat der mittlerweile 30 Jahre alte Tennisprofi aus Winsen an der Aller bereits, als er 2009 für den TC RW Hagen, dessen Präsident Klawonn seit Jahren ist, in der Regionalliga aufschlug.

„Dustin war bereits damals ein Vollprofi, extrem zuverlässig und pünktlich“, beschreibt Klawonn den Mann, dessen Rasta-Locken ebenso weltbekannt geworden sind wie sein Wohnmobil, mit dem er nicht nur damals von Turnier zu Turnier tingelte. „Er war ein super Teamplayer und ein sicherer Punkt für uns“, erklärt auch Simeon Ivanov, ehemaliger Mannschaftskollege und mittlerweile Cheftrainer des TC Rot-Weiß. Sechs Siege, eine Niederlage - das war Browns Bilanz in der Regionalliga. „Außerdem war er einer, der sehr gut gecoacht hat und mir damit geholfen hat, einige Spiele zu gewinnen“, sagt Ivanov.

Ein Musterprofi war er also, dieser Dustin Brown?

Wer sich mit Klawonn, Ivanov und Co. unterhält, malt sich dieses Bild. Einerseits. Andererseits werden Schemen erkennbar, die erklären, dass Brown zwar mit dem Sprung unter die Top-100 der Weltrangliste der sportliche Durchbruch gelang, dass er es bei Grand Slams aber nie weiter als in die dritte Runde schaffte. 2013 erreichte er diese Sensation ebenfalls in Wimbledon durch einen Sieg über Lewton Hewitt. Das Aus ereilte Brown allerdings anschließend nach einer kläglichen Vorstellung gegen einen Franzosen namens Adrian Mannarino.

„Er ist ein Ausnahmespieler, der mit dem Ball machen kann, was er will“, sagt Simeon Ivanov, um einzuschränken: „Er spielt hop oder top.“ Das beschreibt zum einen, warum Brown jeden der Weltrangliste schlagen kann, jeder der Weltrangliste ihn aber auch.

Weibliche Fangemeinde

Zum anderen füllte er auch in Hagen das Bild mit Leben, welches Betrachtern bei seinem Anblick oft in den Sinn kommt: das eines lustigen Lebemanns, der das vorhandene Potenzial mangels fehlender Professionalität nicht ausschöpft. „Es war auch anstrengend mit ihm“, sagt Hans-Horst Klawonn, „er hatte schon damals eine hohe Fangemeinde im weiblichen Bereich.“ Und als sich der Star der Truppe zwischen Einzel und Doppel mal ein Radler genehmigte, schlugen die Wogen der Empörung hoch auf der Anlage in Hagen.

Partys und Frauen - und zwischendurch ein bisschen Tennis spielen. Dustin Brown aktuell noch darauf zu reduzieren, würde ihm jedoch nicht gerecht. Obwohl ihm für einen festen Trainer das Geld fehlt, müht er sich immer wieder über die Qualifikation in die Hauptfelder der großen Turniere. Einer, der das besonders beurteilen kann, ist Stephan Fehske. Als Manager und Trainer von Philipp Kohlschreiber trifft der Hagener seinen ehemaligen Mannschaftskollegen regelmäßig auf der Tour.

In Runde drei gegen Troicki

„Er ist ein sehr, sehr sensibler Mensch“, sagt Fehske über Brown, der in Celle geboren 1996 nach Jamaika, das Geburtsland seines Vaters, zog. Wenig später kehrte der Mann, den alle auf Grund seiner Frisur nur Dreddy nennen, nach Deutschland zurück. „Es war ein langer Weg für meine Familie und mich“, sagte Brown nach seinem Triumph über Nadal nachdenklich. Deshalb habe er sich dieses Tattoo stechen lassen - „ein Porträt meines Vaters. Ich habe auch zu Hause im Schlafzimmer ein Bild meines Vaters. Ich sehe ihn nicht so oft. Normalerweise nur außerhalb der Saison“.

An diesem Samstagmittag trifft Dustin Brown auf den Serben Victor Troicki (live nur beim Bezahl-Fernsehsender Sky). „Ein unangenehmer Gegner“, sagt Stephan Fehske. „Aber ich wünsche ihm, dass er ihn schlägt.“ Auch Hans-Horst Klawonn erklärt: „Wenn er gut drauf ist, kann er alle schlagen. Ich wünsche es mir, dass er die nächste Sensation schafft.“ Trotz der (verschwiegenen) Anekdoten aus seiner Hagener Zeit, besser gesagt: wegen dieser Anekdoten.