„In die Betrüger hineinversetzen“

Ein Lebensmittelkontrolleur nimmt Fleisch aus den Niederlanden unetr die Lupe.
Ein Lebensmittelkontrolleur nimmt Fleisch aus den Niederlanden unetr die Lupe.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat nach dem jüngsten Lebensmittelskandal um Pferdefleisch aus den Niederlanden eine europäischen Lebensmittelpolizei gefordert. Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure, Martin Müller aus Drolshagen, unterstützt die Forderung.

Drolshagen.. Nach dem jüngsten Lebensmittelskandal um Pferdefleisch hat SPD-Chef Sigmar Gabriel eine europäische Lebensmittelpolizei („Eurofood“) gefordert. Martin Müller aus Drolshagen ist Vorsitzender des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure.

Schon wieder ein neuer Lebensmittelskandal. Schon wieder hat das Kontrollsystem nicht richtig funktioniert. Sind die Lebensmittelkontrolleure, mit Verlaub, blind?

Martin Müller: Wir sind nicht blind, aber wir sind zu wenig Sehende. In Deutschland gibt es derzeit etwa 2400 Lebensmittelkontrolleure. Wir bräuchten aber bis zu 1500 zusätzliche Stellen und eine bessere apparative Ausstattung. Es gibt z.B. Laserpistolen, die bestimmen können, ob es sich um frisches oder altes Fleisch, um Rind- oder Pferdefleisch handelt. Diese Pistolen würden sehr weiterhelfen, doch weil sie Geld kosten, bekommen wir sie nicht.

Fleischskandal Im vergangenen Jahr haben wir eine Verbandsumfrage gemacht: Gerade einmal 15 Prozent der Kontrolleure hatten einen Laptop gestellt bekommen, 80 Prozent stand ein eigener Computer zur Verfügung. Der Rest musste sich einen mit einem Kollegen teilen. Dann darf man sich nicht wundern, wenn eine Art von Blindheit eintritt.

Unterstützen Sie Gabriel in seiner Forderung nach einer europäischen Lebensmittelbehörde?

Müller: Unbedingt. Der Markt hat sich verändert. Der Verkauf von Nahrungsmitteln ist keine nationale Angelegenheit mehr, die Geschäfte laufen auf dem europäischen- und dem Weltmarkt. Großkonzerne haben sich breit gemacht, und leider nutzt eine Fleischmafia die fehlenden Kontrollstrukturen in Europa aus. Schauen Sie sich doch den ersten Pferdefleisch-Skandal vor Wochen an, der mit falsch deklarierter Lasagne begann. Über sieben bis acht Stationen wurde die Ware kreuz und quer transportiert.

Hätte „Eurofood“ die jüngsten Skandale verhindert?

Müller: Die Wahrscheinlichkeit wäre um ein Vielfaches größer als mit den derzeitigen Strukturen. Mit einer europäischen Lebensmittelpolizei kommen wir an die Orte des Geschehens, machen es Menschen mit krimineller Energie schwerer. In den Papieren steht nicht, ob ein Pferd, das in Rumänien geschlachtet wurde, gesund oder krank war. Oder ob es vor der Schlachtbank mit Hilfe von Medikamenten aufgepäppelt wurde. Wir brauchen eine einheitliche und eindeutige Kennzeichnung von Lebensmitteln, damit der Verbraucher nicht weiter betrogen wird.

Fleischskandal SPD-Chef Gabriel hat von einem „Kompetenzwirrwarr“ in Europa gesprochen. Ist es so?

Müller: Wenn schon der nationale Datenaustausch, also der zwischen den Bundesländern, nicht funktioniert, kann die Situation in Europa nicht überraschen. Bei der Lebensmittelkontrolle muss Europa mit einer Stimme sprechen.

Täuscht der Eindruck, oder haben Betrügereien mit Lebensmitteln in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen?

Müller: Zumindest die Zahl der Betrügereien, die entdeckt wurden. Wir müssen eine Art Trendscouting installieren, um Schummeleien vorzubeugen. Vor zwei Jahren z.B. zeichnete sich schon ab, dass Rindfleisch teurer wird. Man hätte frühzeitig Rückschlüsse aus der Beobachtung ziehen können, dass sehr preisgünstiges Pferdefleisch aus Rumänien angeboten wurde. Wir müssen uns viel stärker in die Lage der Betrüger hineinversetzen.

Ernährung Warum funktioniert die Lebensmittelüberwachung augenscheinlich nicht optimal?

Müller: Lebensmittelkontrolle darf nicht länger eine von den Kommunen organisierte Angelegenheit sein. Wir brauchen national und international kurze Entscheidungswege. Und eine konstruktive Zusammenarbeit.

Verderben die Skandale Ihnen den Appetit?

Müller: Ich sage immer: Essen ist gefährlich. Nicht-Essen ist lebensgefährlich.