Im Kosovo werden die Koffer gepackt

Ássothalom..  Es sind Szenen wie aus einem Kriegsgebiet: Familien mit großen Taschen kauern auf verschneitem Feld beim ungarischen Ort Ássothalom, Grenzpolizisten durchstreifen die Reihen. Nur am letzten Samstag hat die ungarische Polizei 1022 illegale Grenzgänger aufgegriffen, darunter 991 Kosovo-Albaner. Täglich verlassen zehn Reisebusse mit Auswanderern den Busbahnhof in Pristina. Im Kosovo und in Serbien ist von einem „Massenexodus“ die Rede.

Auch mit Taxis

Nicht nur mit Bussen, auch mit Taxis und privaten PKW verlassen Albaner in diesen Tagen zu Tausenden ihr Land. Sie flüchten vor der zunehmend desaströsen Wirtschaftslage. Die Hauptzielländer sind Deutschland, die Schweiz und Österreich.

Seit Anfang Dezember die neue Regierung gebildet wurde, hat offenbar die Mehrheit der Kosovaren jede Hoffnung auf Besserung der Lage verloren. Zwar liegt die offizielle Arbeitslosenrate im Land mit rund 27 Prozent auf dem in der Region durchschnittlichen Niveau. Nicht mitgezählt sind dabei aber die vielen „zu vorübergehendem Aufenthalt“ im Ausland lebenden Kosovaren. Rechnet man nur die im Lande Verbliebenen, liegt die Rate zwischen 50 und 60 Prozent. Laut der Hilfsorganisation „Mutter Teresa“ leben 18 Prozent der etwa 1,8 Millionen Einwohner des Kosovo mit einem Einkommen von weniger als 90 Euro-Cent pro Tag in extremer Armut.

Meist über Serbien

Der Weg in ein westliches EU-Land führt meistens über Serbien und Ungarn. Nach Serbien können Kosovaren ohne Pass einreisen. An der Grenze bekommen sie ein Einreisepapier ausgestellt, das zu einem einwöchigen Aufenthalt berechtigt. Weil Kosovo-Busse neuerdings am Grenzübergang zu Serbien aufgehalten werden, schlagen sich viele Albaner inzwischen auf eigene Faust über die serbische Grenze in die Kleinstadt Bujanovac durch. Von dort fahren serbische Busse über Nacht die 600 Kilometer lange Strecke zur ungarischen Grenze bei Subotica.

Für die EU brauchen Kosovaren als einzige Südosteuropäer ein Visum. Um frei nach Westen reisen zu können, beantragen viele Pässe der Republik Serbien, die sie offiziell als ihre Staatsbürger betrachtet. Wer einen maschinenlesbaren Pass will, der allein zur Einreise in den Schengen-Raum berechtigt, muss aber einen Wohnsitz in Serbien nachweisen – eine Hürde, die gegen Entgelt leicht zu nehmen ist.