Geist in Beton

Bochum..  Beton ist doch nicht für die Ewigkeit. Das Klappern der Bodenplatten, wenn die Studenten über den Campus eilen, ist der ganz spezielle Takt des Lebens und Lernens an der Ruhr-Uni Bochum. Komplettiert wird die Melodie vom Einheitsgrau der Gebäude. Gegossen aus Beton und mit Wucht in die Landschaft geworfen, wie es nur die euphorischen 1960er-Jahre wagen konnten. Dass der gesamte Uni-Komplex als Hafen im Meer des Wissens konzipiert wurde, in dem die massigen Gebäude wie Schiffe am Ankerplatz des Geistes anlegen, kann man wohl nur aus der Vogelperspektive erahnen.

„Hier war ja nichts,tote Hose, nur Ackerland“

Vor dem massigen Audimax, dessen Dach an eine Muschel erinnern soll, wirkt Prof. Wulf Schmiedeknecht fast zerbrechlich. Er war als einer der Architekten dabei, als die Uni sprichwörtlich aus dem Nichts entstand, baute verantwortlich das Hörsaalzentrum Ost mit 3000 Plätzen. „Hier war ja nichts, tote Hose. Nur Ackerland“, erzählt der drahtige 79-Jährige und schaut sich um. Am 2. Januar 1964 begannen die Bauarbeiten, schon am 30. Juni 1965 wurde die Eröffnung gefeiert. Heute schier undenkbar.

Möglich wurde dies durch straffe Organisation und Planung sowie industrielle Bauweise. Zwei Feldfabriken wurden auf dem Campus errichtet, wo die tonnenschweren Betonelemente in Serie gefertigt wurden. Kräne brachten die Teile sofort an ihren Platz, „das ging tack, tack, tack“, sagt Schmiedeknecht. Die Arbeiten folgten vom Fundament, dem Hochziehen der Gebäudekerne bis zu den Deckenplatten einem festen Rhythmus.

Das Ergebnis fand nicht jedermanns Geschmack. Als Beton-Uni war die Hochschule bald verschrieen, depressiv wirke ihre Brutal-Architektur. Ungemütlich, zugig, abweisend, labyrinthisch waren noch die gnädigeren Attribute, die man dem Bau gab. Von einer „Lernmaschine“ sprachen angewiderte Zeitgenossen. Schmiedeknecht kann das nicht verstehen: „Ich bin heute noch begeistert.“ Es war ein Glück, sagt er, dass sich die Baumeister streng an den Sieger-Entwurf des Düsseldorfer Architekturbüros Hentrich, Petschnigg und Partner gehalten haben.

Hermann Henkel hatte als 25-jähriger Jungarchitekt gerade bei dem renommierten Büro angedockt, als er beauftragt wurde, an dem Mammut-Bau mitzuwirken. „Das war eine großartige Sache. Es war die erste große Universitätsneugründung in Deutschland nach dem Krieg!“ Man muss sich vor Augen halten, in welche Zeit die Ruhr-Uni gepflanzt wurde: Vor 50 Jahren prägten Zechen und Hochöfen das Revier. Rund 60 Prozent der Menschen gingen „auf Maloche“. Doch es war absehbar, dass sich die Zeiten ändern würden.

Bildung statt Bergbau,Arbeiterkinder an die Unis

Bildung statt Bergbau, Arbeiterkinder an die Unis – so lautete bald die Devise. Fachkräfte wurden gebraucht für den fälligen Strukturwandel. Wollte aber ein Revierkind studieren, musste es fortziehen. Das musste sich ändern, erkannte die Landesregierung und beschloss 1961 den Bau in Bochum.

Von der Aufbruchstimmung schwärmen manche noch heute. Die neue Uni konnte bei Null beginnen, junge Forscher berufen, sie schleppte keine Altlasten, kein akademisches Mittelmaß mit sich herum und stieß selbstbewusst zur wissenschaftlichen Spitze vor. Dafür sorgten auch die Studenten. Der Historiker Jörn Rüsen erinnert sich: „Es war ein neuer Studententyp, viele kamen aus der Arbeiterschaft. Die hatten einen ganz anderen Arbeitsethos: starker Bildungswille, neugierig, fleißig, nicht versponnen.“ Aber um 18 Uhr klappten die Studenten die Bücher zu. Schicht, Feierabend, ab nach Hause. So gehörte sich das im Revier.

Das Konzept der Uni passte dazu: Funktionalität, kompakte Bauweise, kurze Wege. Demokratie und Offenheit sollte der Bau symbolisieren, die konsequente Abkehr vom Stil der Vergangenheit, vor allem des „Dritten Reichs“ – eben eine Arbeiteruni. Das war der Gedanke dahinter. Es wurde „ein absolut technisches Bauwerk“, sagt Hermann Henkel. Geboren aus dem Geist der Zeit. Keine Schnörkel, keine Verzierungen, keine Erker und Türmchen, dafür modern, kompakt und konsequent zweckmäßig.

„Die Ruhr-Uni ist ein Denkmal“, sagt Wulf Schmiedeknecht, der bei dem Rundgang über den Campus ganz ironiefrei Begriffe findet wie „filigrane Fassaden“ – „Beton-Schnitzereien“ – „sakrale Monumentalität“. Vergleichbares finde man in ganz Europa nicht, meint auch Hermann Henkel. „Die Uni muss unter Denkmalschutz!“ Auch deshalb, weil heute niemand mehr so bauen würde – Archen des Wissens, glücklich gestrandet auf den Querenburger Höhen.