Ganz allein mit Gott - Kirchen in Südwestfalen immer leerer

Leere Kirchen: Die Zahl der Gottesdienstbesucher nimmt spürbar ab.
Leere Kirchen: Die Zahl der Gottesdienstbesucher nimmt spürbar ab.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
  • Pfarrer in Nordhessen vor leeren Bänken.
  • In Südwestfalen ist der Rückgang der Gottesdienstbesuche spürbar.
  • Kirchen suchen nach Lösungen

Hagen. . Leer. Kein Mensch. Das hatte Pfarrer Horst Rockel noch nie. Gottesdienst Sonntagmorgen 9.30 Uhr im Januar. Die Bänke in der evangelischen Kirche in Biebertal-Königsberg, Landkreis Gießen, sind verwaist. „Ich habe es geahnt“, sagt der 62-Jährige im Gespräch mit der WESTFALENPOST, „dieser Tag wird kommen.“

Nein, sprachlos, sei er nicht gewesen. „Der Küster, die Organistin und ich haben ein Gebet gesprochen und sind nach Hause gefahren.“ Mit Foto will er nicht in der Zeitung erscheinen. Verständlich. Sein schwarzer Sonntag muss nicht noch in der Öffentlichkeit mit einem Porträt von ihm bebildert werden. „Lieber nicht.“

Kirchen viel leerer

Der Theologe wird nicht der letzte Pfarrer in einer Kirche gewesen sein, dem dies passiert. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist auch in Südwestfalen drastisch rückläufig „Es ist lange nicht mehr so wie früher“, sagt Pfarrer Clemens Steiling, Leiter des Pastoralverbundes in Olpe. „Die Kirchen sind definitiv leerer. Da muss man nichts beschönigen.“ Für den 70-Jährigen, „ich bin seit 15 Jahren in Olpe“, spielt die fehlenden christliche Sozialisierung in den Familien eine große Rolle. „Das hat sich im Vergleich zu früher stark gewandelt.“

Kirchengemeinden Er hält es für notwendig, in der kirchlichen Arbeit andere Akzente zu setzen. „Wir können nicht mehr in jedem Dorf eine Messe halten oder zu Maiandachten einladen. Das hat sich ausgewachsen. Es muss nicht alles am Leben erhalten bleiben.“ Viel wichtiger sei es, sich verstärkt der Betreuung von Alten und Flüchtlingen zu widmen.

Für notwendig hält er es zudem, die Messen besonders zu gestalten. „So holt man die Menschen aus der Ecke.“ Nicht zuletzt seien diejenigen, die kommen würden, „anspruchsvoller und forderten in ihrer Kirche kritische Auseinandersetzungen mit den gesellschaftlichen Strömungen ein.“

Der Gottesdienst gehört für viele nicht mehr zum Sonntag

„Der Gottesdienst muss einen Bezug zu den Menschen haben“, sagt Peter-Thomas Stuberg, Superintendent vom Kirchenkreis Siegen. „Drei bis vier Prozent der Gemeindemitglieder kommen regelmäßig.“ Manchmal seien sonntags 300 Leute da, manchmal auch nur 20 bis 30. Für den 57-Jährigen sind die Ursachen für den Rückgang vielfältig. „Uns muss es gelingen, den Menschen das Gefühl zu vermitteln, hier wird uns etwas gesagt, was andere nicht sagen. Das zieht.“

Nicht zuletzt müsse die Gemeinde der Ort sein, in der sich Leute treffen, wo Beziehungen gepflegt und sich über Generationen hinweg ausgetauscht werden könne. „Wir müssen uns eingestehen, dass der Gottesdienst am Sonntag nicht mehr ein eingebautes Element ist.“

Zeitgemäße Formen

Dass die Kirchen nach zeitgemäßen Formen des Gottesdienstes suchen, ist für Thomas Throenle, Sprecher des Erzbistums Paderborn, notwendig und gelebte Praxis. „Mit dieser Vielfalt, vom Krabbelgottesdienst bis zum Akademiker-Gottesdienst signalisieren wir den Gläubigen, ihr seid uns wichtig.“ Dass sich der Frontalgottesdienst überlebt hat, sieht Throenle nicht. „Dafür beteiligen sich zu viele an der Gestaltung der Messe.“

Pfarrer Horst Rockel aus Biebertal-Königsberg will nicht zur Tagesordnung übergehen. „Der Vorfall hat mich nicht entmutigt. Im Gegenteil, jede Krise hat etwas Positives.“ Er kann sich für seine 450 Seelen mehr Gottesdienste zu besonderen Anlässen an besonderen Orten vorstellen.

Zu häufig habe er in jüngster Zeit an das Wort Jesu gedacht: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“