Das aktuelle Wetter NRW 17°C
Bevölkerungsentwicklung

Forschungsprojekt sieht gute Chancen für ländliche Regionen

27.01.2016 | 23:00 Uhr
Forschungsprojekt sieht gute Chancen für ländliche Regionen
Viele junge Leute kehren ländlichen Regionen den Rücken. Doch dieser Trend könnte sich umkehren, sagt der Leiter eines Projekts zur Bevölkerungsentwicklung.Foto: Ilja Höpping

Südwestfalen.   Ein Forschungsprojekt untersucht, warum sich junge Menschen für ein Leben auf dem Land entscheiden. Der Leiter sieht Zukunftschancen für die Region.

Ländliche Regionen wie Südwestfalen leiden unter dem Fortzug junger Menschen. Und doch: „Das Land hat Zukunftschancen“, findet Jan Schametat vom Zukunftszentrum Holzminden-Höxter. Schametat leitet das vom Bund geförderte Forschungsprojekt „H!ERgeblieben“, das in Ostwestfalen und in Niedersachsen der Frage nachgeht, warum junge Menschen nach Schulzeit und Ausbildung bewusst in einer ländlichen Region bleiben.

Das Bild vom Leben auf dem Land ist verheerend. Da ist die Rede von sterbenden Dörfern, von einer drohenden Entvölkerung und von Landflucht. Hat das Leben in dörf­licher Umgebung für junge ­Menschen endgültig seinen Reiz verloren?

Jan Schametat: Ein klares Nein. Die Lichter gehen morgen noch nicht aus. Aber es ist richtig: Das Bild von Hiobsbotschaften muss dringend überarbeitet werden. Wenn man immer nur von Vergreisung und den dramatischen Auswirkungen des demografischen Wandels hört, ist das nicht förderlich für das Image einer Region. Es muss klar gemacht werden, dass diejenigen, die bewusst auf dem Land bleiben, keine Verlierer sind, weil sie vermeintlich nicht hinaus in die weite Welt kommen. Sie haben gute Gründe dafür zu bleiben.

Ländlicher Raum
Große Städte locken - warum Einwohner aus Dörfern wegziehen

Die FH Südwestfalen hat untersucht, warum Menschen aufs Land ziehen oder es verlassen. 62 Prozent der Dorfbevölkerung sind heute Zugezogene.

Wie wollen Sie mit Ihrem Forschungsprojekt an dieser Imageveränderung mitwirken?

Schametat: Der überwiegende Teil der bisherigen bundesweiten Studien geht der Frage nach, warum junge Menschen ländliche Regionen verlassen. Wir verfolgen einen positiven, ressourcenorientierten Ansatz: Warum bleiben junge Menschen nach der Schulzeit und der ­Aus­bildung in ihrer Region? ­Welche Rolle spielt Regionalität bei der ­Berufswahl? Welche guten ­Gründe gibt es, nicht abzu­wandern?

Welche Antworten haben Sie bislang auf diese Fragen gefunden?

Schametat: Viele Studien kommen zu dem Ergebnis, dass der überwiegende Teil die Region gar nicht verlassen möchte. Auch weiß man bereits, dass die Migrationsfrage im Berufsorientierungsprozess noch vor der Frage des Berufswunsches steht. Wir haben in unserer Vorstudie zudem Hinweise darauf, dass soziale Kontakte – also Familie, Freunde und Partner – starke Bindungsfaktoren sind. Dass viele die Ruhe, die idyllische Lage und die Freiräume auf dem Land schätzen. Dass vielen ein Leben in der Stadt zu hektisch und zu teuer ist. Dass viele glauben, in ihrem überschaubaren Sozialraum mehr mitgestalten zu können als in der großen Stadt. Dass es durchaus Tendenzen gibt, sich einen alternativen Beruf zu suchen, wenn die Ausübung des favorisierten Berufs in der Region nicht möglich ist.

Umfrage
Jugendliche in Südwestfalen wollen mehr Kino und Konzerte

Umfrage der Fachhochschule Südwestfalen unter Jugendlichen zeigt: Kulturangebote und Kommunikation über soziale Netzwerke müssen sich verbessern.

Was sind dagegen Abwanderungsgründe?

Schametat: Der Lebensplan ist auf dem Land nicht immer umsetzbar – zum ­Beispiel weil das Angebot an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen ­begrenzt ist. Der vermeintliche Mangel an Freizeit- und Kulturangeboten spielt hier auch eine Rolle. Und es greift das Phänomen der Bildungswanderung: Die Zahl an akademischen Abschlüssen nimmt zu, die meisten wollen studieren und kehren ihrem Dorf zunächst den Rücken. Die Frage ist aber: Wie schafft man es, dass diese ­Menschen wieder zurückkommen? Viele Schüler in der Berufsorientierungsphase geben an, dass sie beabsichtigen, nach der Aus­bildung in die Region zurück­zukehren.

Dennoch: Eine Land-Stadt-Bewegung ist nicht wegzureden. Wie kann man dem entgegensteuern?

Schametat: Zunächst einmal ist zu klären, ob dieses Phänomen bei jungen Menschen sozusagen Gott gegeben ist oder ob man nicht doch etwas dagegen tun kann. Ich denke, dass die ländlichen Regionen ihren Handlungsspielraum an dieser Stelle längst nicht ausschöpfen. Bedingung für erfolgreiche Konzepte ist aus meiner Sicht jedoch eine verlässliche Erhebung der Einstellungen Jugendlicher.

Was macht Sie zuversichtlich?

Schametat: Wenn Mietpreise und Lebenshaltungskosten in den Städten weiter steigen, kann sich der Trend umkehren. Und ich denke, dass die Kommunen noch Handlungsspielraum haben, durch gezielte Maßnahmen junge Menschen zu erreichen. Es gibt durchaus gute Ansätze, dem demografischen Wandel zu begegnen und etwas für die Daseinsvorsorge und die Infrastrukturen auf dem Land zu tun. Aber ich muss auch sagen, dass vielerorts solche Konzepte fehlen.

Rolf Hansmann

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
Kurden-Demo in Siegen
Video
Video
Anti-Erdogan-Demo in Siegen
Bildgalerie
Demonstration
Henneseefest mit Feuerwerk
Bildgalerie
Dammparty
article
11502101
Forschungsprojekt sieht gute Chancen für ländliche Regionen
Forschungsprojekt sieht gute Chancen für ländliche Regionen
$description$
http://www.derwesten.de/region/sauer-und-siegerland/forschungsprojekt-sieht-gute-chancen-fuer-laendliche-regionen-id11502101.html
2016-01-27 23:00
Social, Demographie, Südwestfalen, Landflucht, Bevölkerungsentwicklung,
Sauer und Siegerland