Fiderallala macht die Zunge flott - das neue Liederprojekt

Der Fotograf Jan von Holleben hat die Kinderlieder illustriert. Dieses Bild zeigt „Bei meiner Tante Josefine“.
Der Fotograf Jan von Holleben hat die Kinderlieder illustriert. Dieses Bild zeigt „Bei meiner Tante Josefine“.
Foto: Carus Verlag / Jan von Holleben
Was wir bereits wissen
Unser Projekt geht weiter. Jede Woche stellen wir ein Kinderlied vor - zum Mitmachen. Denn Singen stärkt die Bindung in der Familie und hilft Kindern beim Spracherwerb

Hagen.. Wiegenlieder gibt es in allen Kulturen seit der Frühzeit des Menschen. Das ist nur ein Indiz dafür, wie wichtig das Singen ist. Gemeinsames Singen schafft eine starke Bindung zwischen Eltern und Kindern, es unterstützt den Spracherwerb und die Motorik. Mit unserem Liederprojekt machen wir Familien und Kindergärten ein niederschwelliges Angebot, das Singen auszuprobieren und Lieder kennenzulernen. Ab heute starten wir eine neue Runde der beliebten Aktion: Woche für Woche gibt es jetzt ein neues Kinderlied, und zwar aus ganz Europa.

Dr. med. Johannes Graulich ist Kinderarzt und Verleger des Carus-Verlags zugleich. Er hat das Liederprojekt ins Leben gerufen: „Mich interessiert als Arzt vor allem der Schnittpunkt zwischen Schwangerschaft und erster Lebensphase. Wir wissen inzwischen, dass Kinder ab der 16. Schwangerschaftswoche das Hörorgan ausgebildet haben. Ab der 24. Woche können sie das Gehörte wahrnehmen. Und Gehörtes, vor allem in den letzten Schwangerschaftswochen, ist nach der Geburt erinnerbar“, schildert der Vater von zwei Kindern.

Untersuchungen zeigen zum Beispiel, dass sich bei Frühchen die Vitalwerte verbessern, wenn Mutter oder Vater ihnen vorsingen. „Die Verbindung von Melodie, Rhythmus und Sprache ist ein zentraler Punkt des Menschseins“, unterstreicht Dr. Graulich.

Mit Liedern die Welt entdecken

Kinder entdecken mit Liedern die Welt. Sie erfahren von den Jahreszeiten („Es war eine Mutter“) und der Natur („Alle Vögel sind schon da“), sie lernen wichtige Feste kennen („Sankt Martin“), sie üben das Alphabet („ABC, die Katze lief im Schnee“), sie hören von Berufen („Grün, grün, grün sind alle meine Kleider“). Lieder erweitern den Wortschatz und sind Fitness für die Mundmotorik. Rhythmus und Melodie spornen zur Artikulation und zum Sprechen in einem vorgegebenen Tempo an. Lippen und Zunge werden trainiert. Das Fiderallala aus „Ein Vogel wollte Hochzeit machen“ ist nicht nur lustig, sondern hier muss die Zunge auch gute Arbeit leisten.

Mit Liedern kann man aber auch gut einschlafen und Ängsten begegnen, vor der Dunkelheit, vor Trennung und Abschied („Kommt ein Vogel geflogen“, „Hänschen klein“). Und natürlich kann man zu Liedern tanzen und mit Liedern Spaß haben. Kinder lieben Wortspiele, deshalb sind Quatschlieder („Drei Chinesen mit dem Kontrabass“) bei Jungen und Mädchen so überaus beliebt.

Singen gehört zu den bedrohten Kulturtechniken

War es noch vor 50 Jahren einigermaßen selbstverständlich, dass Eltern mit ihren Kindern den Alltag durch Lieder in kleine Rituale gegliedert haben, so gehört das Singen heute zu den bedrohten Kulturtechniken – zum Schaden der Kinder. „Oft ist die Hemmschwelle groß“, hat Johannes Graulich erfahren. „Die Väter und Mütter haben regelrecht Angst vor dem Singen, weil sie meinen, es müsste gleich perfekt sein.“ Diese Ängste will das Liederprojekt abbauen, indem die jeweiligen Notenblätter kostenfrei im Internet zur Verfügung gestellt werden. Außerdem kann man die Titel mit Audiodateien kennenlernen. Das Liederprojekt ist eine Benefizinitiative. Die Erlöse gehen an die Aktion „Ganz Ohr!“ (www.ganzohr.org) der Musikhochschule Hannover. Hier gibt es im Internet altersbezogene Infos und Tipps für Eltern. „Wir wollen nicht versuchen, die Hochkultur ins Kinderzimmer zu tragen, sondern die Eltern dort abholen, wo sie stehen“, so Johannes Graulich.

Eine Riesenchance

Und warum stellt die neue Reihe Lieder aus Deutschland und aus Europa vor? „Ein Kind, das heute in Stuttgart aufwächst, ist nicht immer schwäbisch bis in die 19. Generation. Lieder sind etwas, das die kulturelle Identität ausmacht. Wichtig ist, dass die Kinder Zuhause sagen können, wir haben im Kindergarten ein Lied aus unserer Sprache gesungen. Darin liegt eine Riesenchance“, weiß Johannes Graulich und ergänzt: „Singen hilft gerade Kindern mit Migrationshintergrund, Deutsch zu lernen, und Sprache ist der wichtigste Schlüssel zum Bildungserfolg.“

Natürlich gibt es die „Kinderlieder aus Deutschland und Europa“ im Carus-Verlag auch als Buch. Der Band vereint 58 Lieder aus allen Regionen Europas mit Schwerpunkt auf deutschen und englischen Liedern. Der Fotograf Jan von Holleben steuert fröhliche Fotos bei. Das Buch inklusive Mitsing-CD hat 128 Seiten und kostet 19,99 Euro.