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Buchkritik

Euro-Krise aus der Perspektive der Armen

15.10.2012 | 18:00 Uhr
Euro-Krise aus der Perspektive der Armen
Der griechische Autor Petros MarkarisFoto: Torsten Silz / dapd

Hagen.   Zahltag: Der griechische Schriftsteller hat in seinem neuen Krimi eine geniale Idee zur Sanierung der Staatskasse

Wer wissen will, was im Griechenland der Euro-Krise wirklich los ist, muss Petros Markaris lesen. Der Athener Autor schreibt in seinen Kriminalromanen um den bärbeißigen Kommissar Charitos ebenso spannende wie kluge Zeitliteratur. In seinem neuen Buch „Zahltag“ zieht er eine bittere Bilanz der Sparprogramme, mit denen die griechische Regierung jongliert, die doch am Ende nur die kleinen Leute treffen - und er entwickelt eine geniale Idee, wie man den Staatshaushalt sanieren könnte: Ein selbsternannter „nationaler Steuereintreiber“ fordert Reiche auf, endlich ihre Steuern zu zahlen. Nach dem dritten Mord fließen plötzlich Millionen in die Staatskasse.

Petros Markaris hat Goethe und andere deutsche Dramatiker ins Griechische übersetzt. In Istanbul geboren und aufgewachsen, Studium in Wien: Der Autor ist ein Europäer im besten Sinne des Wortes, der so schnell keiner politischen Propaganda aufsitzt. In unserer Region ist Markaris durch zahlreiche Lesungen sehr populär. Auch in diesem Herbst wird er wieder beim Festival „Mord am Hellweg“ zu Gast sein. Unter anderem ist er am 10. November bei der Abschlussgala einer von drei Nominierten für den Europäischen Preis für Kriminalliteratur.

Kommissar Charitos ist an den Anblick von Leichen gewohnt. Doch die Krise bringt neue Dimensionen des Entsetzens hervor. Gleich zum Beginn von „Zahltag“ wird er zu einem Gruppenselbstmord von vier Rentnerinnen gerufen, die ihre Medikamente von der zusammengestrichenen Rente nicht mehr bezahlen können. Kein Fall für die Kripo.

Auch ins Privatleben bricht die Krise mit Wucht ein. Tochter Katerina, promovierte Juristin und ganzer Stolz ihrer Eltern, verdient praktisch nichts. Eine Entwicklungshilfe-Organisation hat ihr eine Stelle in Afrika angeboten. Wie so viele junge Griechen denkt Katerina ans Auswandern. Der „nationale Steuereintreiber“ wird unterdessen zum Volkshelden.

Wütendes Mitgefühl

Markaris schreibt parteiisch, sein Herz gehört den kleinen Leuten, deren Verzweiflung er voll wütenden Mitgefühls schildert. Gleichzeitig nimmt er die Gier, die Korruption und den Filz zwischen Politik und Reichen mit bitterböser Feder unter die Lupe. Der ewige Stau, in dem sein Kommissar täglich stecken bleibt, ist das literarische Gleichnis eines Staates, von dem Markaris in einem Interview einmal befürchtet hat, dass er unregierbar werden könnte.

Petros Markaris: Zahltag, Diogenes, 420 Seiten, 22,90 Euro.

Monika Willer

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