Es zählt nur der Verdacht

Familie Hoffmann aus Drolshagen (im Bild von links Eugen, Anton, Lidia und Ellen) konnte Weihnachten nicht mit der Oma aus der Ukraine verbringen.
Familie Hoffmann aus Drolshagen (im Bild von links Eugen, Anton, Lidia und Ellen) konnte Weihnachten nicht mit der Oma aus der Ukraine verbringen.
Foto: MATTHIAS GRABEN
Was wir bereits wissen
Familie Hoffmann hatte seit 1997 sieben Mal Besuch von der Oma aus Kiew. Jetzt bekommt sie kein Visum mehr, weil ihre Rückkehrwilligkeit bezweifelt wird.

Drolshagen..  Weihnachten war Oma nicht da. Sie war schon länger nicht da und wird nicht so bald kommen können. Weil sie ganz kommen wollte. Und weil bei deutschen Behörden das Misstrauen regiert und der Generalverdacht.

Familie Hoffmann hat 1997 die Ukraine verlassen. Unna-Massen, dann Drolshagen. Spätaussiedler. Eugen Hoffmann ist Russlanddeutscher. Seine Ehefrau Ellen und die drei Kinder haben deutsche Pässe. Nicht so Ellens Mutter Lidija Tatarowa. Die 79-jährige ist Ukrainerin, lebt am Rand von Kiew. Und darf nicht mehr in die Bundesrepublik einreisen. Sieben Mal war sie zu Besuch, einmal sogar für länger als ein Jahr. „Das war, als ich meine Umschulung zur Krankenschwester gemacht habe“, erinnert sich Ellen Hoffmann, „das nannte sich Aufenthaltserlaubnis mit Kinderbetreuung“. Nie habe es Probleme gegeben, immer sei ihre Mutter rechtzeitig wieder abgereist.

Außergewöhnliche Härte

2010 starb Ellen Hoffmanns Vater. So entstand die Idee, Lidija Tatarowa solle zu ihrer Familie ins Sauerland ziehen: Antrag auf Familienzusammenführung. Der wurde abgelehnt. „Das Gesetz verlangt eine außergewöhnliche Härte, also etwa Pflege, die nur in der Bundesrepublik geleistet werden kann“, erläutert der Olper Kreisdirektor Theo Melcher. Zudem müsse eine private Krankenversicherung abgeschlossen werden.

Ellen Hoffmann empfindet es schon als außergewöhnliche Härte, wenn eine Frau, die in diesem Jahr 80 wird, nicht bei ihrer Familie leben darf: „Bei den Kindern und Enkeln zu sein, ist das, was im Alter ein erfülltes Leben ausmacht. Aber pflegebedürftig ist meine Mutter Gott sei Dank nicht.“ Also stellte sie bei der deutschen Botschaft in Kiew wieder einen Antrag auf ein Besuchervisum. Abgelehnt. Wie der nächste. Und der dritte. Dreimal legte Lidija Tatarowa Widerspruch ein. Vergeblich. „In solchen Fällen gibt es immer Probleme“, weiß Melcher. „Man hat dann die Vermutung, dass ein Besuchsvisum zum Verbleib genutzt wird.“

Auch die Ausländerbehörde des Kreises hatte anfangs solche Bedenken, wie man auf Anfrage aus Kiew mitteilte. Inzwischen wurden die bei einem Gespräch ausgeräumt. Das teilte man der Botschaft mit. Ohne Auswirkungen. Die Rückkehrwilligkeit sei nicht glaubhaft, heißt es.

Das ist für Familie Hoffmann in mehrfacher Hinsicht ein Schock. „Meine Mutter hat nie etwas Illegales getan“, sagt die Tochter. „Aber wie können wir beweisen, dass sie sich an die Gesetze halten wird?“ Eugen Hoffmann hat Verständnis dafür, dass der deutsche Staat den Missbrauch von Sozialleistungen verhindern will. „Doch muss man deshalb alle über einen Kamm scheren?“, fragt er und fürchtet: „Das wird alles sehr klischeehaft betrachtet.“

Die Hoffmanns hatten so etwas nicht erwartet. Weil die EU doch den Weg der Ukraine nach Westen unterstütze, weil vom Ziel eines visafreien Raums die Rede gewesen sei. Und wegen ihrer eigenen Erfolgsgeschichte als Vorzeige-Zuwanderer. Sie haben 2003 ein schmuckes Haus gebaut, Vater Eugen arbeitet wieder als Ingenieur, ein Sohn studiert, einer arbeitet gerade bei Ford in Köln, die Tochter macht bald Abitur.

Schulfreunde fassungslos

„Meine alten Schulfreunde, die ich jetzt über die Feiertage getroffen habe, waren fassungslos, als ich ihnen davon erzählte“, berichtet Anton Hoffmann. „Die Arbeitskollegen wollen das nicht glauben“, sagt sein Vater. „Alle vermuten, dass auf der ukrainischen Seite etwas nicht funktioniert und können sich nicht vorstellen, dass es an deutschen Behörden liegt“, ergänzt Ellen Hoffmann. Sie war im Oktober noch einmal in Kiew. Sie kennt ihre Mutter als starke Frau. Aber zuletzt habe sie geweint.

Die Hoffmanns haben sich an den Petitionsausschuss des Bundestages gewandt. Entschieden hat der noch nicht, aber die Stellungnahme des Auswärtigen Amtes macht wenig Hoffnung. Nun haben sie Klage eingereicht beim Verwaltungsgericht Berlin. So ein Verfahren kann lange dauern. Aber die Familie hofft auf die Verhandlung. „Wir wollen selbst hinfahren“, sagt Anton Hoffmann. „Wenn man von Mensch zu Mensch sprechen kann, muss es doch eine Lösung geben.“