Es ist Revolution und keiner merkt es

Simon Hegelich, Geschäftsfüher des Forschungskollegs Siegen erklärt neue Entwicklungen im Bereich Virtual Reality.
Simon Hegelich, Geschäftsfüher des Forschungskollegs Siegen erklärt neue Entwicklungen im Bereich Virtual Reality.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Simon Hegelich vom Forschungskolleg an der Uni Siegen: Die Trennung von Datenwelt und normalem Leben geht zu Ende. Pixel verraten nahezu alles.

Siegen..  Irgendwann bin ich so weit, dass ich nach unten schaue und erwarte, die eigenen Füße zu sehen. So perfekt ist die Illusion. Ich bin in New York. Ich kann mich bewegen, in alle Richtungen drehen, in den Himmel schauen und nach unten. Keine Füße, nur der Times Square. Virtuelle Realität. In 360 Grad und dreidimensional. Mit einem normalen Smartphone, das in Googles für nur zehn US-Dollar angebotenem Magic Cardboard steckt.

Dr. Simon Hegelich, Geschäftsführer des Forschungskollegs „Zukunft menschlich gestalten“ (FoKoS) an der Universität Siegen, führt das vor um zu zeigen, was möglich ist: „Das ist eine einfache, billige Lösung, und alles ist Open Source. Das heißt: Jeder kann damit arbeiten und eigene Anwendungen erfinden. Es gibt eine riesige Community, die genau das im Moment tut. Das ist ein Durchbruch.“

Was sich in der Datensammlung und Datenverarbeitung tut, ist aufregend

Hegelich ist Politologe. Er forscht gerade an Bots, per Computer erzeugten Twitter-Nachrichten, die derzeit in der Ukraine zwischen allerlei Alltäglichkeiten ultra-nationalistische politische Botschaften verbreiten. Ohne 3D. Aber im FoKoS arbeitet man interdisziplinär, Computerwissenschaftler spielen eine wichtige Rolle. Und der Geschäftsführer findet es eben sehr aufregend, was sich derzeit in der Datensammlung und -verarbeitung tut.

In der Hand hält Hegelich eine Kugel, die an einen Golfball erinnert. „Die 360 Flyer kommt im August auf den Markt“, erzählt er. Eine 360-Grad-Kamera, die alles im Umkreis aufzeichnen kann. Sie könnte in einem Motorradhelm für Rundumsicht sorgen und bei Gefahr warnen. Sie kann ganze Gebäude überwachen. Im Zusammenspiel mit Mini-Drohnen ganze Städte. Und die Bilder werden immer präziser.

Doch noch wichtiger sind die Datenmassen, die so gesammelt werden, erklärt der Wissenschaftler: „Der komplette Raum wird digitalisierbar. Dadurch werden Bewegungsprofile möglich. Wir können anhand des Verhaltens zum Beispiel erkennen, dass zwei Menschen vermutlich einen Banküberfall ausführen. Oder ein Smartphone-Programm zeigt uns, ob unser Gegenüber lügt.“

Wie das? „Durch einen erhöhten Puls. An der Schlagader verändern sich Pixel. Dank vieler Beispiele sind die Analysen äußerst präzise.“

Das fasziniert ihn: dass jede Neuentwicklung noch mehr Daten produziert, die zu noch mehr Entwicklungen führen. „Das ist die entscheidende Neuerung: Heute kann man mit den Daten etwas anfangen. Die Nadel im Heuhaufen ist nicht mehr schwer zu finden, wenn der Computer jeden Halm einzeln nebeneinanderlegt.“ Und wer ein Video einer Zimmerpflanze analysiere, könne über die Vibrationen der Blätter ein im Raum geführtes Gespräch rekonstruieren. Weil es bereits so viele Vergleichsdaten gibt.

Diese Entwicklungen haben Konsequenzen: „Wenn die Kameras sich weiter verbreiten, ist es völlig unerheblich, ob Sie persönlich so ein Fitness-Armband tragen. Man hat es selbst nicht mehr in der Hand, ob man Teil der neuen Datenwelt sein will.“ Ist das nicht eher beängstigend als begeisternd? „Ich habe 2012 in Münster meine Habilitationsschrift zum Zusammenhang von Privatsphäre und Demokratie verfasst“, erzählt Hegelich. Ein historisches Thema. Privatsphäre ist heute bereits eine Illusion.“

Dennoch sind für ihn die Veränderungen in erster Linie spannend: „Wir sind mitten in einer gesellschaftlichen Revolution. Nur merken es die meisten Menschen noch nicht, weil das Allermeiste so banal wirkt.“

Die Google-Brille als das Smartphone von morgen?

Das werde sich bald ändern, ist er überzeugt: „Bislang sind die Datenwelt und das normale Leben getrennt. Nun wachsen sie zusammen.“ Und die Menschen laufen alle mit Google-Brillen durch die Gegend? Wer weiß: Vor wenigen Jahren hätte man sich auch nicht vorstellen können, dass viele junge Leute nahezu pausenlos aufs Handy starren.