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Engel auf Himmelfahrtskommando

04.03.2012 | 18:25 Uhr
Engel auf Himmelfahrtskommando
Szene aus der Dortmunder Elias-Inszenierung. Die Titelrolle wird von Christian Sist gesungen.

Dortmund. Der Prophet kotzt. Weil die Engel einen Messias brauchen, zwingen sie Elias, die Schlaftabletten wieder auszuwürgen, mit denen er sich umbringen wollte. Jens-Daniel Herzog zeigt Mendelssohns Oratorium „Elias“ in Dortmund jetzt in einer szenischen Fassung als beklemmende Polit-Parabel.

Wenn sich ein Oratorium überhaupt für eine szenische Umsetzung eignet, dann der „Elias“. Felix Mendelssohn Bartholdy hat hier das Dramatische bereits einkomponiert: die Feuerprobe, das Regenwunder, die Himmelfahrt im feurigen Wagen: All das geht über eine bloße musikalische Bebilderung der alttestamentarischen Geschichte hinaus.

Der neue Dortmunder Opern-Intendant Jens-Daniel Herzog spielt in einer anderen Liga als seine Vorgänger, soviel steht jetzt schon fest. Er übersetzt die Handlung um Götzendienst und die Suche nach dem wahren Gott derart, dass Christen erst einmal schlucken müssen. Denn die triumphalen Anrufungen des Einen durch das Volk erweisen sich als bewusst gesteuerte Massenhysterie; die Engel treten als militante Ajatollahs auf, die von ihrer eigenen Heilsgewissheit so durchdrungen sind, dass sie sich ihre Messiasse selber küren.

Es geht also um Erlösungssehnsucht und Verführbarkeit durch Macht. Der erliegt Elias, der Aussteiger, der gegen den neumodischen Baalkult wettert. Als er feststellen muss, dass das Volk eine Strandparty feiert, nachdem Gott den ersehnten Regen geschickt hat, verzweifelt er. Doch Jens-Daniel Herzog interessiert sich nicht in erster Linie für den Charakter eines Propheten, der an seiner eigenen Moral scheitert und sich dann als Galionsfigur missbrauchen lässt. Es geht ihm um die Manipulierbarkeit von Menschen, die heute Hosianna und morgen Kreuziget rufen. Entsprechend bildet das Volk einen Querschnitt durch die Dortmunder Gesellschaft mit BVB-Fans, Nutten, Theatergängern, Ärztinnen und Müllmännern. So hatte der Regisseur seinen „Elias“ bereits 2005 in Mainz angelegt, den er nun in Dortmund aufwärmt.

Die Philharmoniker sind das Opfer

Viele präzise beobachteten Szenen fügen sich aneinander: die Baalpriester sind moderne Wetterexperten am Computer, das Volk ruft den Götzen per Handy an, doch der hat keinen Empfang. Diese klugen, oft beklemmenden Bilder funktionieren deshalb so gut, weil Herzog sehr geschickt darin ist, große Personengruppen über die Bühne zu bewegen. Mathis Neidhardt hat dazu einen sängerfreundlichen Raumkasten gebaut, der wie ein kommunistisches Parteiheim anmutet. Eine gigantische Projektionsscheibe spiegelt im zweiten Teil die bittere Erkenntnis, dass Gott nur ein Alibi für Macht auf Erden ist.

Der Dortmunder Opernchor ist mit dieser Aufgabe schwer gefordert, meistert sie aber mit Bravour. Bass Christian Sist ist ein überragender Elias; der Zweimeter-Mann macht die Entwicklung des Propheten vom politischen Rebellen zum Führer mit lyrischem Grundton und einem unglaublichen Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten glaubhaft. Julia Amos ist eine Witwe mit unschuldig-reinem, glockenklaren Sopran. Mezzosopranistin Katharina Peetz singt den Oberengel mit ergreifender Herzenswärme: Wie gefährlich es ist, sich davon einlullen zu lassen, erweist sich am Schluss.

So gut Sängerensemble und Chor sind: Die Dortmunder Philharmoniker werden zum Opfer der Inszenierung. In der Partitur hat das Orchester die Funktion, das gesungene Geschehen zu psychologisieren und zu illustrieren. Kapellmeister Motonori Kobayashi kann allerdings den Notentext überhaupt nicht auf das Bühnenkonzept anwenden; aus dem Graben klingt es durchweg extrem blass, der Dirigent schlägt weder romantische Bögen noch setzt er dramatische Akzente.

Während am Ende die Engel und das Volk den nächsten Messias bejubeln, fällt im Hintergrund ein Schuss: Elias bleibt die Himmelfahrt versagt; er wird schlicht und einfach gehimmelt.

Wieder am 10. 3., 24. 3., 6.4. Karten: 0231 / 5027222. Internet: www.theaterdo.de

Monika Willer



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