Eltern in Südwestfalen stehen hinter Erzieherstreiks

Die Gummistiefel werden nicht gebraucht: Weil die Erzieher im Warnstreik sind, bleiben viele Kitas in Südwestfalen geschlossen.
Die Gummistiefel werden nicht gebraucht: Weil die Erzieher im Warnstreik sind, bleiben viele Kitas in Südwestfalen geschlossen.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Erneut bleiben in Südwestfalen Kitas geschlossen, weil die Mitarbeiter eine bessere Eingruppierung fordern. Die Eltern unterstützen die Forderungen.

Hagen.. Einen Tag überbrücken – das ist für viele Eltern Alltag. Zwei – das geht vielleicht auch noch. Aber der dritte? Liegen da die Nerven langsam blank?

Das Netzwerk hält noch. „Doch es ist schwierig“, räumt Dörthe Korzendorfer ein. „Die Kleine hat hier in Hagen keine Großeltern“, fügt sie hinzu. Also gibt die Tante auf Ronja acht, wenn die Kindertagesstätte Cuno-Villa geschlossen bleibt.

Es ist der dritte Tag in NRW, an dem die Erzieher in den Warnstreik treten. Der dritte Tag innerhalb von drei Wochen, an dem Dörthe Korzendorfer ihre Tochter nicht in die Cuno-Villa bringen kann und eine Betreuung organisieren muss. Einmal hat sie die Nachbarn um Hilfe gebeten, einmal hat ihr Mann sich frei genommen.

Anstrengend und anspruchsvoll

„Aber ich stehe hinter diesem Streik“, betont Dörthe Korzendorfer sofort. Die Erzieherinnen hätten ein Anrecht auf mehr Geld: „Sie sollen ihre zehn Prozent mehr bekommen“, sagt Dörthe Korzendorfer bestimmt.

Die würden Mitarbeiter der Sozial- und Erziehungsberufe unter dem Strich erhalten, wenn sich die Gewerkschaften mit ihrer Hauptforderung durchsetzten: eine besser Eingruppierung im Sozial- und Erziehungsdienst.

Der Beruf sei anstrengend – und anspruchsvoll, hat auch Dörthe Korzendorfer beobachtet. Sechs Jahre alt ist ihre Tochter Ronja, kommt im Sommer in die erste Klasse. In der Cuno-Villa werden die Vorschulkinder gezielt gefördert: Die Erzieher trainieren mit ihnen mathematisch-logisches Denken, Konzentration und Ausdauer, spielerisches Kennelernen von Buchstaben – und vieles mehr. Dazu die Sprachförderung für die etwas Kleineren, die Dokumentation der Fortschritte und regelmäßige Gespräche mit den Eltern darüber.

Arbeitskampf In Warstein sind sämtliche Kitas geschlossen

„Der Beruf hat sich enorm verändert“, sagt Karin Grawe aus Warstein. Seit 37 Jahren steht sie im Beruf. Die derzeitige Eingruppierung stamme aus dem Jahr 1991. Seitdem habe sich jedoch eine Menge getan, argumentiert Karin Grawe und nennt die verlängerten Öffnungszeiten bis weit in den Nachmittag hinein, die zunehmende Zahl von Kindern mit sprachlichen oder emotional-sozialen Auffälligkeiten, den steigenden Beratungsbedarf der Eltern, Aufgaben wie frühkindliche Bildung – und nicht zuletzt die Betreuung der Kinder unter drei Jahren.

So manche Fortbildung hat Karin Grawe dafür in den vergangenen Jahren absolviert. Während andere Arbeitnehmer mehr Geld erhielten, wenn sie sich weiter qualifizierten, habe sich bei den Erziehern nichts geändert, bemängelt sie. Und deshalb wird auch die 57-Jährige streiken.

In Warstein sind sämtliche städtischen Kitas geschlossen. Schließungen gibt es Verdi zufolge auch in Lippstadt, Arnsberg, Brilon und Marsberg. In Lüdenscheid, Gevelsberg, Schwelm, Iserlohn, Siegen. Neun von zwölf städtischen Kitas bleiben in Kreuztal geschlossen. „Die Streikbereitschaft ist groß“, sagt Thomas Mehlin, Verdi Gewerkschaftssekretär im Bezirk Siegen/Olpe. „Es hat sich in den vergangenen Jahren viel aufgestaut.“

Einkommen „Es ist Geld da“

Karin Grawe will sich diesmal jedenfalls nicht mit dem Hinweis auf leere Kassen oder andere wichtige öffentliche Aufgaben abspeisen lassen. „Es ist Geld da“, glaubt sie.

Und hofft, dass das Verständnis von Eltern wie Dörthe Korzendorfer weiter anhalten wird, selbst wenn der Streik fortdauern sollte. Die ist in der Hagener Cuno-Villa längst nicht die einzige Mutter, die den Erzieherinnen mehr Lohn wünscht. Die Mehrheit der Eltern, die an Tag vor dem Warnstreik ihre Kinder abholen, beschweren sich nicht, dass die Kita am Tag darauf erneut darauf geschlossen bleibt. Bisher hatte Anja Filtz Glück: Die Warnstreik sind auf Tage gefallen, an denen sie Spätschicht hatte. So konnte sie morgens selbst auf ihre Zwillinge aufpassen und die Kleinen nachmittags zur Oma bringen. Die Großmutter aber ist selbst noch berufstätig, könnte als an einem Vormittag nicht einspringen.

Und dennoch antwortet Anja Filtz auf die Frage, ob sie Verständnis für den Streik hat ohne zu Zögern: „Ja natürlich. Ich möchte, dass die Erzieher, die sich um meine Kinder kümmern, zufrieden sind.“