Eine neue Klientel im Knast

Was wir bereits wissen
Radikale Islamisten sind eine Herausforderung für den Strafvollzug. In den Gefängnissen könnten weitere IS-Kämpfer rekrutiert werden

Hagen..  Zwei der drei Attentäter von Paris haben sich im Gefängnis radikalisiert. Schon warnen Sicherheitsexperten, dass die Justizvollzugsanstalten (JVA) in Deutschland mit der neuen Klientel „radikale Islamisten“ überfordert sein könnten. Die Zahl der einsitzenden IS-Sympathisanten und Rückkehrer wird merklich steigen - ebenso die Gefahr, dass in den Hafteinrichtungen neue Kämpfer rekrutiert werden könnten. Werden womöglich in Nordrhein-Westfalens Gefängnis für die besonders schweren Fälle - die JVA Werl - eines Tages besonders viele gewaltbereite Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat einsitzen?

„Wir werden keine zentralen Strukturen schaffen“, verneint Peter Marchlewski vom NRW-Justizministerium die Möglichkeit, alle gewaltbereiten Islamisten in einer einzigen NRW-Anstalt unterzubringen. Aber er gibt zu: „Die Deradikalisierung bereits radikalisierter Straftäter stellt ebenso wie die Verhinderung einer Radikalisierung weiterer Gefangener eine große Herausforderung für den Justizvollzug in NRW dar.“

Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses Wolfgang Bosbach hat kürzlich davon gesprochen, dass man nicht ausschließen könne, dass IS-Rückkehrer aus Syrien und dem Irak in Deutschland neue Kämpfer anwerben werden. Insbesondere in Gefängnissen. Dr. Joachim Kersten, Forschungsprofessor an der Hochschule der Polizei in Münster, kann dieser Ansicht folgen: „Wenn in dem besonderen Klima einer Justizvollzugsanstalt ideologisch geschulte Strafgefangene auf anfällige Menschen treffen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Radikalisierungen kommt.“

Die Radikalisierung junger Menschen kann sich in jüngster Zeit ergeben, wie Kersten aus Beispielen außerhalb von Gefängnismauern weiß: „Nicht wenige IS-Kämpfer haben sich vor einem halben Jahr noch in Fitnessstudios aufgehalten und ihre Maskulinität an Gewichten gestählt.“ Eines Tages hätten sie sich entschlossen, „mit Kalaschnikow und Laptop nach Syrien zu ziehen“ - mit der Aussicht, im Kampf zum Helden zu werden, bzw. aufzusteigen.

„Traumatisierte IS-Rückkehrer“

Dabei gelte ganz allgemein: „Die Verknüpfung von religiösem Überlegenheitsgefühl und einer Militarisierung ist gefährlich“, so Kersten. Der Kriminologe kann verstehen, dass die Angst vor Anschlägen nach den Pariser Attentaten auch hierzulande gewachsen ist. „Aber die meisten IS-Rückkehrer sind traumatisiert und perspektivlos“, sagt er, „die Mehrzahl ist nicht der gewaltbereite Märtyrer in spe.“

Orte der Radikalisierung

Und doch: Die Gefahr, dass Gefängnisse - insbesondere Jugendhaftanstalten - zu Orten der Radikalisierung werden, ist gar nicht abstrakt. Der Berliner Pädagoge Thomas Mücke: „Ein Extremist kommt in die JVA hinein, und fünf kommen wieder heraus.“ Zumal die salafistische Szene Kontakt zu ihren Mitstreitern hinter Gittern hält - in Form von Besuchen, Briefen oder auch Spenden.

Experten gehen davon aus, dass die deutschen Haftanstalten Hunderte von radikalen Islamisten aufnehmen müssen. Sind diese darauf vorbereitet? Man habe Konzepte entwickelt, sagt Peter Marchlewski vom NRW-Justizministerium. Der ehemalige Richter am Landgericht Arnsberg nennt Beispiele: So arbeite der Justizvollzug bei dieser Problematik regelmäßig mit den Strafverfolgungsbehörden und dem Verfassungsschutz zusammen. Verfassungsschützer hätten regelmäßigen Kontakt mit allen JVA’s, „um Mitarbeiter über die Gefahren einer Radikalisierung zu sensibilisieren“.

In Nordrhein-Westfalen gibt es Aussteigerprogramme für Rechtsextremisten und Salafisten. „Diese richten sich auch an alle Strafgefangenen“, erläutert Marchlewski. Er verweist auf die Zusammenarbeit der Gefängnisse mit ­örtlichen Institutionen. Auch mit muslimischen Gemeinden. Im Bundesgebiet sind bereits einige Imame in der Gefangenenseelsorge tätig.