Ein Prophet im fremden Land

Meschede..  Manchmal gilt der Prophet ja nichts im eigenen Land. Also muss ein Fremder her, der die Dinge auf den Punkt bringt. Der sagt, was Sache ist. Der den Finger, in die Wunde legt. Der auch mal lobt. Und wer könnte das besser als ein ehemaliger Ministerpräsident, ehemaliger Finanzminister, ehemaliger Wirtschaftsminister, ehemaliger Kanzlerkandidat. Also Peer Steinbrück. Der SPD-Politiker, er ist ja noch Abgeordneter im Bundestag, erklärte den Südwestfalen gestern in Meschede auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung Südwestfalen. Und Deutschland. Und die Welt.

Drittstärkste Wirtschaftsregion

Und so stand der Vortrag des Sozialdemokraten ein bisschen auch unter dem Motto „Eulen nach Athen tragen“. Denn wer kennt die Stärken Südwestfalens besser als die Menschen, die dort wohnen?! Also die Menschen, die Steinbrück im Kreishaus zuhörten.

Aber es ist ja nicht schlecht, wenn ein Bundespolitiker noch einmal betont, dass Südwestfalen die drittstärkste Wirtschaftsregion des ganzen, großen Landes ist. Wenn er darauf hinweist, dass der ländliche Raum ganz besonders stark vom demografischen Wandel betroffen sein wird, nein: schon betroffen ist. Dass Facharbeiter sich lieber in Ballungszentren niederlassen als in Dörfern. Dass Mittelständler und Familienunternehmen das wirtschaftliche Rückgrat der Region bilden.

Peer Steinbrücks These, die er auch in seinem gerade erschienenen Buch „Vertagte Zukunft“ propagiert, gilt für Südwestfalen vielleicht etwas mehr als in anderen Regionen Deutschlands. Sie lautet: Es geht uns gut, aber in unserem Wohlstand haben wir uns gedanklich in einer Komfortzone zur Ruhe gesetzt. „Bleibt das so? Pustekuchen!“, rief er den gut 150 Gästen zu.

Steinbrück warf viele bekannte Fragen auf, blieb aber auch viele Antworten schuldig. Deutschland investiere viel zu wenig in Bildung, und zwar schon seit 15 Jahren, kritisierte der 68-Jährige. (Nein, als Selbstkritik wollte der ehemalige Finanzminister, der Konjunkturprogramme immer ablehnte, das sicher nicht verstanden wissen.)

Den Breitbandausbau habe man hierzulande verschlafen, sagte er. „Sie brauchen das für die Autobahnen des 21. Jahrhunderts, vor allem in den ländlichen Regionen“, forderte er. „Wir sind da schlechter als Rumänien.“ Die Infrastruktur drohe langsam, aber sicher zu verfallen, Südwestfalen müsse sich darauf einstellen, in wenigen Jahren zehn Prozent der Bevölkerung zu verlieren, „der Mittelstand hat die Digitalisierung noch nicht drauf“ und, und, und.

Man hatte fast den Eindruck, als wollte der eine oder andere im Saal dem Redner zurufen: Mensch, das wissen wir. Wir brauchen Hilfe bei den Lösungen.

Immer nur mit dem Finger auf die Politik zu zeigen, sei allerdings der falsche Weg, sagte Steinbrück und regte eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Bildungseinrichtungen, und Selbstverwaldungseinrichtungen an. Auch da benötigt Südwestfalen eigentlich keinen Nachhilfeunterricht.

Gut, es ist ja auch nicht Steinbrücks Aufgabe, in Berlin für Südwestfalen zu trommeln. Das machen andere, zum Beispiel der Briloner SPD-Bundestagsabgeordnete Dirk Wiese, der die Veranstaltung moderierte. Er kündigte Projekte an, die insbesondere den Fachkräftemangel im Sauerland bekämpfen und Existenzgründer fördern sollen. Einen Standortvorteil werden die meisten Konkurrenzregionen Südwestfalen nicht nehmen können, wie auch Peer Steinbrück betonte: „Die Landschaft hier ist top.“