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Reportage

Ein Krankenhaus packt ein

14.12.2011 | 18:16 Uhr
Ein Krankenhaus packt ein

Wickede-Wimbern.Die Patienten sind weg, alle Betten sind abgezogen und viele Gänge stehen schon leer: Gestern hat das Marienkrankenhaus Wimbern seinen Betrieb eingestellt.

Er ist der letzte Patient von Wimbern. Ein älterer Herr, der seinen Namen nicht genannt haben möchte. Zusammen mit zwei anderen Männern hat er die Nacht auf Mittwoch auf der Intensivstation verbracht. Die anderen beiden sind schon entlassen worden. Jetzt kommen zwei Rettungssanitäter, holen ihn ab zur Verlegung ins Krankenhaus in Werl. Schieben die Rolltrage durch Gänge, in denen kein anderer Patient mehr sitzt, vorbei an gestapelten Kartons und an offenen Türen, hinter denen leergeräumte Zimmer starren. Es ist halb zwölf, kurz vor Mittag, als die Hecktüren des Rettungswagens ins Schloss fallen und der letzte Patient das Krankenhaus verlassen hat.

Ein Hospital organisiert sein Ende. An diesem Mittwoch im Dezember 2011 sieht es an manchen Stellen noch so aus, als liefe der Betrieb weiter. Im Schwesternzimmer säuselt das Radio. Auf dem Tisch dampft es aus Kaffeetassen und im Foyer glänzen Christbaumkugeln am Weihnachtsbaum. Doch die Schwestern pflegen keine Kranken mehr, sondern packen Kisten. Aus wirtschaftlichen Gründen gibt der Katholische Hospitalverbund Hellweg das traditionsreiche, aber zuletzt defizitäre Haus auf.

Letzter Tag im Marien-Krankenhaus

Viel Zeit zum Trauern hat Schwester Barbara nicht. Obwohl es Grund genug für wehmütige Tränen gibt. „Ich habe hier vor 40 Jahren aufgeschlossen“, erinnert sie sich, „am 1. Oktober 1971. Und jetzt schließe ich hier wieder ab.“ Sie gehört zu den dienstältesten Beschäftigten des Krankenhauses. Zusammen mit ihrer Kollegin Schwester Ursula räumt sie Infusionslösungen, Kompressen und OP-Hauben aus den Schränken. Patientenbetten werden zu Transportwagen umfunktioniert, um die Medikamente und Utensilien ins Erdgeschoss zu bringen, wo sie sortiert werden. Weiterverwendbare Medikamente gehen an die anderen Krankenhäuser im Hospitalverbund. Der Rest geht zurück an den Lieferanten oder wird entsorgt.

Getrennte Wege werden auch Schwester Barbara und ihre Kolleginnen und Kollegen gehen. Viele Pflegekräfte und Ärzte haben neue Arbeitsstellen in benachbarten Krankenhäusern gefunden. Schwieriger ist die Jobsuche für die Menschen aus der Verwaltung oder dem Servicebereich. Martin Schröder war die vergangenen zwei Jahre Pförtner, hat auf dem Arbeitsmarkt für sich selbst aber noch keine offene Tür gefunden. Sechs Monate zahlt der Hospitalverbund noch sein Gehalt weiter, außerdem gibt es einen millionenschweren Topf für Abfindungen. Aufmuntern kann ihn das nicht. „Die Stimmung hier ist bedrückend“, sagt er, und dass Vorweihnachtszeit ist, macht die Trostlosigkeit nicht erträglicher. Die Besucher und Patienten haben mitgelitten. „Viele sagten: Das hier war mein Haus, wie kann man das schließen?“, berichtet Schwester Barbara.

„Die Abschiedsemotionen sind für alle gleich“, ergänzt Dr. Rainer Kunterding. „Jeder hat hier Kraft und Herz reingesteckt.“ Der ärztliche Direktor sitzt am Telefon und ruft die Rettungsleitstellen der Region an. „Wir stellen den Betrieb jetzt ein“, teilt er mit — also bitte keine neuen Patienten mehr einweisen. Ein Chefarzt wickelt „sein“ Hospital ab. In den vergangenen Tagen gab es bereits keine Neuaufnahmen mehr, lediglich die ambulante Endoskopie hat noch bis Dienstag Magenspiegelungen durchgeführt. Die meisten Beschäftigten bauen schon freie Tage oder Resturlaub ab. Am Freitag ist auch für die Restbesatzung Schluss.

Immerhin: Ein Notarzt bleibt vorerst im Krankenhaus stationiert, das war der Gemeinde Wimbern wichtig. Und zumindest einen neuen Job wird es geben: Ab Freitag ist ständig ein Sicherheitsdienst vor Ort und passt auf das Gebäude auf.

Thorsten Bottin

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